Teil eines Werkes 
2. Bd. (1874)
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Es war ſchon ſpät in der Nacht, als er ſeine Woh⸗ 6 nung erreichte und von dem ſchlaftrunkenen Kammerdiener in das Schreibzimmer geleitet wurde, wo ihn die behag⸗ liche Wärme, die das lodernde Kaminfeuer ausſtrahlte,

ungemein freundlich anmuthete.

Mache mir eine Taſſe Kaffee und dann kannſt Du zu Bette gehen, ſagte er zu ſeinem Diener, der alsbald verſchwand, um in ſehr kurzer Zeit das Ver⸗ langte zu bringen, was aber Roſenthal nicht zu bemerken 1 ſchien; denn er hatte ſich in einen bequemen Lehnſtuhl geworfen, der vor dem Kaminfeuer ſtand, die Füße auf

eine blank polirte Stange deſſelben geſtellt, und war in tiefe Träumereien verſunken, aus denen ihn nur momentan die Frage des Andern weckte:Euer Gnaden haben weiter nichts zu befehlen?

Nein, ich danke!

Dann träumte er weiter. Aber es mochten gerade keine angenehmen Träume ſein, die ſeinen Geiſt beſchäf⸗ tigten; denn, ſein Haupt auf die Lehne des Seſſels ſtützend, ſank er immer tiefer in demſelben zuſammen, ſeine Lippen preßten ſich krampfhaft aufeinander, tiefe Furchen zeigten ſich zu beiden Seiten ſeines Mundes, ſowie auf der ge⸗ dankenſchweren Stirne, ſeine Augen waren tief in ihre Höhlen zurückgeſunken Herr von Roſenthal ſchien in einer halben Stunde um zehn Jahre älter geworden