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Humoristische Erzählungen / von F. W. Hackländer
Entstehung
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vergnügtem Geſicht nach Hauſe, ein großes gefaltetes Papier in der Rocktaſche. Es iſt ſein Reiſepaß:Vorzeiger dieſes ꝛc. Früher dachte er mit Vergnügen an ſeine Tour, malte ſich die fröhlichen Stun⸗ den, die er genießen würde, recht lebendig aus; jetzt, wo ſich die Zeit der Erfüllung nähert, denkt er ängſtlicher daran, es könnt' ihm noch etwas dazwiſchen kommen; er wagt es nicht mehr, die Genüſſe, die ihm bevorſtehen, auszudenken; er ſchließt, ſo oft ihm ein ſolcher Ge⸗ danke überkommt, die Augen, und ein kleiner Stoßſeufzer entfährt ihm; er iſt in einer unangenehmen Spannung, ſpricht gegen Niemand mehr von ſeinem Vorhaben und wundert ſich doch dabei, daß die Leute nicht auf der Straße ſtehen bleiben und wenn er kommt, einander zuflüſtern: der reist auch morgen. So nimmt er unruhig ſein Poſt⸗ billet, packt eilig und unruhig ſeine Sachen und erſt, wenn er das rauchende Dampfboot beſteigt, ihm der Kellner auf dem Verdeck den Kaffee ſervirt hat, erſt wenn er ſich die Cigarre angezündet, und um ſich ſchauend drei Kreuze nach der Gegend hinmacht, wo ſein Arbeits⸗ tiſch, ſein Zwinger ſteht, ſpringen ſeinem Herzen tauſend Reife und es ſchwillt ihm auf, wie ein engliſcher Twiſtballen, dem man ſeine Emballage genommen; er wacht auf, er iſt des köſtlichſten Humors, denn er reist ja; dem Kellner überläßt er in der Freude ſeines Herzens die vier Kreuzer, die dieſer ihm herausgeben will, rechts und links bietet er den Paſſagieren ſeine Tabaksdoſe oder ſeine Cigarren an, und vom Kapitän bis zum Schiffsjungen hat er ſchon jeden gefragt, ob nicht bald zum drittenmale geläutet würde. Er ſteigt mit großen Schritten auf dem Verdeck herum, und ſucht bei Jedem, der nicht gerade mit Andern beſchäftigt iſt, ſeine ſeligen Empfindungen anzu⸗ bringen. An der Brüſtung neben dem Steuerruder ſteht ein hagerer langer Herr; ſeinen Kopf mit einem bleichen Geſicht und den etwas in's Röthliche ſpielenden Haaren, bedeckt eine ſackähnliche Reiſemütze mit großem Schirm. Ueber dem zugeknöpften Rocke trägt er ein Mäntelchen von waſſerdichtem Zeug, das ihm bis an die Knie reicht. Seine Stiefeln ſind von ungeſchwärztem Leder oder er trägt vielleicht auch Schuhe und Kamaſchen. Vor ihm liegt ein Panorama des Rheinlaufes und in der Hand hält er ein Buch, violet eingebunden und vergoldet; neben ihm lehnt ein großer Regenſchirm, obgleich an dem ganzen Himmel kein Wölkchen zu ſehen iſt. Aufmerkſam blickt der lange Herr in die Gegend und ſteht zuweilen in ſein Buch. Zu dieſem geſellt ſich der Deutſche.Ach, mein Herr, ein köſtlicher Morgen Sie reiſen wahrſcheinlich auch nach Köln? Wir wer⸗ den heute eine herrliche Gegend haben Kennen Sie die Tour?

Ich verſichere Sie, ich freue mich unendlich auf den Rheingau.

Waren Sie ſchon da?, Der lange Herr nickt mit dem Kopfe.

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