Teil eines Werkes 
56. Bd. (1873) Werke
Entstehung
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Der Künſtlerhof von Granada. 309

lichſten Fleck der Erde, hier, wo die Vegetation des Südens und des Nordens wunderbar lieblich gemiſcht iſt, wo neben gewaltigen Eichen und Buchen Oleander und Lorbeer ſtehen, neben Granat⸗ büſchen mit den dunkelroth blühenden Blumen, duftender Flieder, über welchen hinaus faſt ſchwarze Cypreſſen hoch in die Luft empor⸗ ragen, und eben ſo ſind Frühling und Sommer in der Vega von Granada verſchmolzen: ſchwarzblauer Himmel, poetiſches Abendlicht, warme, koſende Malluft, ſo hell und ſo durchſichtig, daß die Seh⸗ kraft verdoppelt ſcheint und die Perſpective ſich in überraſchender, nie erlebter Wirkung darſtellt. Und dazu die ſchöne, altersgraue Stadt, deren Geſchichte ſo lebhaft vor unſer Gedächtniß tritt und wie ein wunderbares Märchen erſcheint, voll Kampf, Gedicht und Liebe. Granada La Hermoſa mit ihren zahlloſen Thürmen und Kuppeln und den keck geſchnittenen Giebeln ihrer Häuſer, eingefaßt von einem Halbkreiſe blaugrüner Berge, welche ſich rechts nach den Schneegipfeln der Sierra Nevada hinaufziehen, während die Stadt ſelbſt an mehreren Stellen die ſteilen Abhänge hinanſteigt.

Dort liegt die Alhambra, rief Walter, wobei aus den Blicken des alten Malers eine außerordentliche Begeiſterung blitzte; ich erkenne die Torres Vermejas an ihrer rothbraunen Farbe, ein Entzücken jedes Künſtlers wie oft habe ich von ihnen geleſen, wie oft ſie in Zeichnungen geſehen und in meiner Phantaſie! Dort iſt auch der Torre de la Vela, von welchem herab der ſpaniſche Feldherr im Namen der Kronen von Caſtilien und Arragon von dem eroberten Granada Beſitz nahm.

Lord Warren, der zu Fuße gegangen war, trat, als nun Alle wie auf Verabredung ſtill hielten, neben Margarethe, küßte ſchmei⸗ chelnd ihre Hand und verſtand die ſtumme Sprache ihres großen, glänzenden, feuchten Auges.

Vom großen Dome herunter tönte jetzt feierlichen Klanges die Abendglocke, und als die Reiſenden nun weiter zogen, ſahen ſie, wie Alles mit jedem Schritte auf maleriſch eigenthümliche Art lebendig wurde, und hörten das dumpfe Gebrauſe der großen Stadt