Teil eines Werkes 
56. Bd. (1873) Werke
Entstehung
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Ich bin Dir nah', Du ahnſt es nimmer! 23

So ließ man Sie in Ungewißheit, wohin ſich die junge Dame wenden würde?

Ganz und gar nicht; denn als ſie noch neben mir ſtand, erſchien ihr Vater auf der Terraſſe, eine wohlhabende, behaglich ausſehende Perſönlichkeit mit einem geſunden Geſichte, der ich es ihrer derben Züge wegen nicht zugetraut hätte, der Vater dieſer Tochter zu ſein.

Die Natur ſpielt ſeltſam.

Ich war auf die Mutter begierig doch war dieſe krank in Zürich zurückgeblieben, und Edelweiß wurde nur von einer älteren Kammerfrau begleitet.

So waren es Leute von guter Familie?

Wenigſtens reiche Leute. Hier hielt Warren an und blickte ſeinen Freund mit einem komiſchen Lächeln an, das ſich bei⸗ nahe zu einem Lachen ſteigerte, als er ſagte:Der Vater war ſo freundlich, mich ſeine Bekanntſchaft machen zu laſſen Herr Specht, Fabrikant aus Zwickau.

Ah, aus Zwickau? Ein proſaiſcher Name.

Wozu der Vater vollkommen paßte und ſomit ganz das Gegentheil ſeiner Tochter war ſo ſehr das Gegentheil, daß ich mir ſpäter, als ich ſie in Zürich wiederſah, häufig ihren Familien⸗ namen und den Namen ihres Wohnortes vorſprechen mußte, um mich ein wenig zu beruhigen: Fräulein Specht aus Zwickau. Nur zuweilen, wenn ich ſie mit ihrer alten Kammerfrau allein auf Spaziergängen traf oder wenn Vater Specht den Lord Warren, der nicht ungern geſehen war, zu einer Spazierfahrt einlud und wir allein rückwärts im Boote ſaßen, nannte ich ſie ſcherzhaft Edelweiß und zeigte nach der Pflanze Heimat, den Bergen, die im wunderbarſten Glühen auf den glänzenden See hinabſchauten.

Und Sie blieben lange in Zürich? Sie machten häufig zu⸗ ſammen Spaziergänge und Waſſerfahrten?

Leider nur vier Tage, dann mußte ich nach Baden reiſen, wohin mich ein Telegramm meines geſtrengen Herrn Vaters rief,