10 Fünfundvierzigſtes Kapitel.
um Alles in der Welt ſollten ſie keinen Verſuch machen, irgend einen Bekannten anzuſehen oder gar zu lächeln, Athem holen ſo leicht als möglich, und wenn ihnen gar etwas Menſchliches paſſiren ſollte, zum Beiſpiel das Nieſen ankäme, lieber dieſes gerade heraus zu thun, als es unter Geſichtsverzerrungen verheimlichen zu wollen.
So war ſie in den paar Stunden ihres Dienſtes der Liebling Aller geworden; ſogar die Baronin von Hardenberg hoffte, ſie ſpäter wieder zu ſehen, und die Gräfin Blendheim nannte ſie, als ſie nun Abſchied nahm, ein liebes Kind, bedauerte unendlich, daß es nicht möglich ſei, ſie die lebenden Bilder mit anſehen zu laſſen, und er⸗ ſuchte ſie unter einem vielſagenden Lächeln, am andern Morgen zwiſchen zehn und eilf Uhr zu ihr zu kommen.
„Ein liebenswürdiges Mädchen— ein vortreffliches Geſchöpf
— wie angenehm unterhaltend!“ ſo ſprach der ganze weibliche Kreis über ſie, und Alle fanden es incroyable, abominable, insupper- kable, daß man dieſer vortrefflichen Sängerin Rollen habe ab⸗ nehmen wollen, um ſie dieſer ennuyanten Berger zu geben— das macht die widerwärtige Wuth des Protegirens, unter der wir Alle zu leiden haben!“
Wie ſchon oben bemerkt, die Decorationen zu den lebenden Bildern waren außerordentlich befunden worden und verdienten es auch in der That, ſo benannt zu werden. Vor Allem war der an⸗ brechende Morgen höchſt gelungen, ſo daß eine junge, ſchwärmeriſche Dame ſagte, ſie vermiſſe nichts, als den Geſang der Vögel, und alsdann von ihrem Nachbar, einem eben ſo ſchwärmeriſchen Garde⸗ Officier, ſeufzend zur Antwort erhielt, er ſei vollkommen befriedigt — was gehe ihn der Geſang der Vögel an, da er an dieſem wunderbaren Morgen das Glück habe, in die Augen der ſchönſten Fee zu blicken.
„Bravo, bravo!“ rief in dieſem Augenblicke der Fürſt, aller⸗ höchſtſelbſt heftig applaudirend, nicht über die Bemerkung des Garde⸗Lieutenants, ſondern über das Erſcheinen des verzauberten Schloſſes in roſigem Morgendufte.


