Teil eines Werkes 
56. Bd. (1873) Werke
Entstehung
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8 Fünfundvierzigſtes Kapitel.

Aermſte auch ſchon ſeit Nachmittags zwei Uhr in einem feſt ver⸗ ſchloſſenen, abgelegenen Cabinet mit ihr allein beſchäftigt, hatte ſie mit flüſſiger Perlſchminke und mit poudre de cramoisi, mit Reiß⸗ ſtaub, Schwanenflaum und Haſenpfote ſo gründlich bearbeitet, daß ſie ſpäter in der allgemeinen Garderobe mit einem Teint erſchien, gegen welchen Lilienblatt und Pfirſichblüthe wie vertrocknete Apfel⸗ ſchalen erſchienen.

A a a-ah, wirklich wunderbar! konnten ſich einige der Damen, die am meiſten mit Neid erfüllt waren, nicht enthalten laut auszurufen, und dabei war es äußerſt merkwürdig, wie jetzt die eine nach der anderen etwas ganz außerordentlich Dringendes im Geheimen mit der jungen Sängerin zu ſprechen hatte. Dieſe war überhaupt in Kurzem das Factotum ſämmtlicher jungen und älteren Damen; wo ſie gerade ſtand, vernahm man leiſes Kichern oder lautes Lachen, und dabei war ſie auf jeder Seite an, allen Toilettetiſchen zu ſehen, hier rathend, dort helfend, hier vermindernd, dort zulegend, und dabei fand ſie immer noch Zeit, Ihre Excellenz die Frau Gräfin Blendheim, welche auch heute das Ganze wieder überwachend in ſtiller Majeſtät da ſaß, dringend um eine Anleitung oder einen vortheilhaften Rath zu bitten, wobei ihr Geplauder ſo unerſchöpflich, ſo allerliebſter Art war, daß die gute Gräfin oftmals ihrer Würde vergaß und vor Vergnügen laut hinauslachte.

Und dabei war alles ſo harmloſer Natur, was Leonie Gerhold erzählte, wie bedauerte ſie ihren Chef, daß er ſo ſehr von den In⸗ triguen der Mitglieder der Bühne und der Verleumdung der Stadt zu leiden habe, wie warm nahm ſie ſeine Partei und verſicherte auf das beſtimmteſte, daß er ſie und ihre Colleginnen nur mit den In⸗ tentionen eines Vaters, nur mit den wohlwollenden Geſinnungen eines Beſchützers behandle, daß er ohne die geringſte Parteilichkeit ſei, ohne vorgefaßte Meinung, daß er Alle mit der gleichen Liebe umfaſſe, Alle, incluſive Chor und Ballet, ja, ſogar die Geſang⸗ und Tanzſchule. Dabei wußte ſie kleine, pikante Anekdoten zu erzählen von jungen Offizieren und alten Großwürdenträgern, die, nach demſelben