296 Vierundvierzigſtes Kapitel.
unangenehmes Kratzen in der Kehle fühle, ſo glaube ich, daß Lu⸗ crezia Borgia dieſes Mal nicht giftmiſchen wird.“
„Worin ich Ihnen durchaus nicht Unrecht geben kann,“ ent⸗ gegnete Rodenberg;„und wenn Sie wirklich eine kleine Heiſerkeit geſpürt, ſo iſt es bei dem ſcharfen Oſtwinde räthlich, ſich zu ſchonen.“
„Ich danke Ihnen recht ſehr für dieſen Rath und werde ihn befolgen.“
„Gute Nacht, Herr Eichner!“
„Halte mich beſtens empfohlen, Herr Rodenberg!“
Unter der Hausthür des Gaſthauſes erwartete den Maler ein Kellner und führte ihn in das Zimmer Nummer vier, wo Roden⸗ berg ein Eſſen zu zwei Perſonen beſtellt hatte. Die ‚Goldene Kanne⸗ war ein recht altes Haus, etwas dunkel und düſter von außen; aber im Innern hatte es ſehr wohnliche und behagliche Räume, nament⸗ lich am Abend, wenn die niedrigen Zimmer mit den alten, ge⸗ bräunten Holzdecken vom Kerzenſcheine freundlich erhellt waren und wenn, wie jetzt hier in Nummer vier, in dem großen, ſchmuckloſen Kamine ein loderndes Feuer brannte.
Vor dem Kamine ſtand der Eßtiſch mit zwei Gedecken, woraus zu erſehen war, daß Rodenberg einen Gaſt erwartete, und dieſer Gaſt befand ſich auch bereits im Zimmer: er ſtand an den Kamin gelehnt und näherte ſich dem raſch eintretenden Maler mit einem freundlichen Gruße.
Dieſer Gaſt war ein kleiner, ſchmächtiger und noch ſehr junger Mann mit einem klugen, man könnte ſagen, ſchlauen Geſichte, das aber für ſeinen Körper etwas zu alt ausſah: es zeigte eine gefurchte Stirn und über derſelben dichtes, ſtraffes Haar, welches ſichtbar un⸗ bewegt blieb gegen die Verſuche, ihm durch Kamm und Pommade eine gefällige Form zu verleihen. 4
„Haſt Du ſchon lange auf mich gewartet?“ fragte der Ein⸗ getretene.
„Ich bin erſt eine kleine halbe Stunde hier; doch da ich weiß,


