Teil eines Werkes 
54. Bd. (1873) Werke
Entstehung
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O, ſtille dies Verlangen! 275

Leider war Don Joſe ein paar Schritte voraus und ſah deß⸗ halb nichts von den entſetzlichen Bemühungen des unglücklichen Reikers, der Bügel, Schluß und Haltung in ſolchem Grade verloren hatte, daß nur die geringſte außergewöhnliche Bewegung des Pferdes genügen mußte, ihn zu Fall zu bringen.

Der ſanfte Eduard ſah übrigens dieſes ſein Schickſal ſelbſt voraus und hatte trotzdem Seelenſtärke genug, zu lächeln; denn er erkannte es als eine Güte der Vorſehung, daß der Braune vor ihm nun mit einem tüchtigen Sprunge auf die grüne Wieſe ſetzte, wo es ſich jedenfalls weicher liegen mußte, als hier auf der harten Landſtraße. Trotzdem war es ein entſetzlicher Augenblick, ſo mit jeder Secunde der gewiſſen Niederlage näher und näher zu kommen, einer unfehlbaren Niederlage, einer glänzenden Niederlage. Und dabei hatte Rüding, wie wir eben bemerkt, noch Seelenſtärke genug, um krampfhaft zu lächeln. Auch ſeine Geiſtesgegenwart verließ ihn ſo wenig, daß er, unter Anklammern an die dichte Mähne des Pferdes, ein paarmal mit den Füßen ſtrampelte, um ſich zu über⸗ zeugen, daß er von den Bügeln befreit ſei; denn es überfiel ihn der ſchreckliche Gedanke, hier vielleicht in ſeiner Jugendblüthe zu Tode geſchleift zu werden.

Da machte der kleine Schimmel eine Bewegung von der Straße

ab, dem Braunen zu folgen; da ſchloß Rüding die Augen, hatte aber doch noch Seelenkraft genug, ungefähr mit denſelben Gefühlen, unter denen der Selbſtmörder ſeiner Piſtole eine doppelte Ladung gibt, einen Zungenſchnalzer zu verſuchen, der übrigens vollkommen überflüſſig war. Da kam das Schickſal, roh und kalt Faßt's des Freundes zärtliche Geſtalt Und wirft ihn unter den Hufſchlag ſeiner Pferde. Rüding war in einem tüchtigen Bogen vom Sattel auf das Gras niedergefallen und dort blieb er ein paar Secunden lang liegen, nicht als ob er die Beſinnung verloren hätte, ſondern weil er ſich fürchtete, durch eine Bewegung allzu früh zu erfahren,

II