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Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht. 13
in der Kunſt etwas ganz Außerordentliches leiſten zu können! Für das, was ich ſpäter in dieſem Fache gebrauche, darf ich mir wohl erlauben, meine Herbſtferien hier in dieſem wunderbaren Thale vollſtändig zu genießen, und müßig gehe ich ja trotz alledem nicht!“
„Nein, Du fängſt Fiſche.“
„Nur als Nebenbeſchäftigung; hauptſächlich aber vervollkommne ich mich in der deutſchen Sprache und treibe Poeſie.“
„Ah, Du treibſt Poeſie?“ entgegnete Olfers lachend.„Nun, wie Du das anfängſt, möchte ich wiſſen oder wenigſtens ein Product Deiner poetiſchen Beſtrebungen ſehen!“
„Ich treibe Poeſie, indem ich dieſe herrliche Natur betrachte und in mich aufnehme; ich könnte ſagen, es iſt eine Art maleriſcher Poeſie, der ich mich nirgends mit ſo gutem Erfolge hingeben kann, als gerade hier. Schau' dort um Dich her, iſt nicht Alles, was Du ſiehſt, maleriſche Poeſie oder poetiſche Malerei?“
„Ja, Du haſt Recht, eine Fülle unendlicher Poeſie
„Blicke hinab auf das Waſſer des Baches, wie ſeine klaren Fluthen leuchten, obgleich er tief im Schatten dahinfließt; betrachte die Sträucher mit ihren hier grünen, dort ſchon buntfarbigen Blättern, mit ihren dunkelblauen und hochrothen Beeren; ſchau' dazwiſchen die feinen Gräſer und die beiden moosbedeckten Steine — gibt es eine prächtigere und wirkſamere Ufereinfaſſung, könnteſt Du etwas Schöneres und Zuſammenſtimmenderes componiren?“
„Ich gewiß nicht!“
„Und auch ſonſt Niemand!— Ach, wie ſich dieſe Felſen, ſo willkürlich uns ihre Formen auch erſcheinen, doch ſo planmäßig und majeſtätiſch aufbauen, und wie wohlthuend, wie ſtolz ihre helle Farbe leuchtet, umſäumt von dunklem Grün! Und weiter oben die mächtigen Stämme der uralten Eichen und Buchen mit ihren lang ausgeſtreckten Aeſten, ſo ein Schattendach bildend über die enge Schlucht herüber— verzeihſt Du mir nun, daß ich ſonſt nichts thue, um mich in derartiger Poeſie zu ergehen?“
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