Teil eines Werkes 
54. Bd. (1873) Werke
Entstehung
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Die Sonne ſinkt, ihr letzter Schein zergeht.. 9

Eichenwälder auf. Wir haben vor uns eine hohe Bergwand, welche wir ſteil hinanklimmen müſſen, um von der Höhe derſelben eine Ausſicht zu erlangen auf das weite, herrliche Rheinthal; doch waren die Fluthen jenes klaren Bergwaſſers, von dem wir vorhin ſprachen, ſeit Jahrtauſenden geſchäftig, im Herabſtürzen von jenem Berg⸗ gelände dort eine tiefe Schlucht einzureißen, Höhlen aufzudecken, prachtvoll geformte Felſen abzuſpülen und ſo eine Felſenſchlucht zu erſchaffen, die wir ſanft aufwärts ſteigen können und in der wir faſt bei jedem Schritte verwundert ſtehen bleiben möchten, um die Schönheiten dieſer ungeahnten wilden Natur recht in uns aufnehmen zu können. Heute noch wie vor vielen Tauſend Jahren fließt das ſchäumende, brauſende Bergwaſſer durch dieſes enge Thal, hier auf einer ebeneren Stelle leiſe murmelnd über breite, glatte Kieſel hin⸗ weg, dann einen gewaltigen Abhang hinabjagend, aufs Neue und toller brauſend und ſchäumend, wild und trotzig. Rieſenhafte Fels⸗ wände ragen zu beiden Seiten empor und zeigen uns ſeltſame Vor⸗ ſprünge, Schluchten und Höhen, welche die Poeſie des Volkes mit den verſchiedenartigſten Namen belegt hat: dort iſt die Engels⸗ und die Teufelskammer, die Wolfsgrube und der Rabenſtein, die Neander⸗ höhle und der Neanderſtuhl letzterer eine Felsſpitze, auf der vor zweihundert Jahren ein deutſcher Dichter häufig ruhte und, begeiſtert von der großartigen Natur, Lieder zum Lobe Gottes dichtete.

Von der höchſten Spitze der Felſen, wo noch mächtige Eichen und Buchen wachſen, bis Ihe ins Thal hinab ſind die Steinwände maleriſch unterbrochen und berziert mit einzelnen Baumrieſen, mit Sträuchern, welche freundlich herabnicken, mit Blumen, mit Gräſern und Mooſen, und dabei welche Abwechslung in der Vegetation der nördlichen und der ſüdlichen Felswand: hier der heiße Sonnenſtrahl, dort ewiger Schatten!

So nahe bei einer größeren Stadt gelegen, wo zahlreiche Künſtler häufig darauf angewieſen ſind, der Natur ihre verborgenen