Teil eines Werkes 
53. Bd. (1873) Werke
Entstehung
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254 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.

Gläſer wollte gar nicht aufhören, denn rechts hieß es: ‚Die Wald⸗ müllerin ſoll leben! links: ‚Hoch die Nebelmüllerin! und von anderer Seite: ‚Die Kohlenmüllerin!; und als nun gar Einer ſchrie: ‚Auf das Wohl der Waſſermüllerin! da nahm das Geſchrei ſo lange kein Ende, bis van der Maaßen die glückliche Idee hatte, den allgemeinen Jubel dadurch in die Gränzen des Geſanges ein⸗ zulenken, daß er anfing:

In einem kühlen Grunde

Da geht ein Mühlenrad,

Mein Liebchen iſt verſchwunden, Das dort gewohnet hat.

Dieſes an ſich ſo ſchöne Lied verfehlte auch hier ſeine gewöhn⸗ liche Wirkung nicht: die erſte Strophe wurde mit derjenigen heiteren Begeiſterung geſungen, die Jeder fühlte, indem er dabei an irgend eine Mühle dachte in irgend einem kühlen Grunde, zu der er einſt hinabgeſtiegen war, um dort eine ſchöne Müllerin oder ſonſt etwas Aehnliches zu finden; die zweite, dritte und vierte Strophe gaben ſchon etwas Ernſtliches zu bedenken, denn welchem unter den Sängern hier am Tiſche war es nicht ſchon vorgekommen, daß ihm ein Liebchen ver⸗ oder entſchwunden war! Sie hat mir Treu' verſprochen, Gab mir ein'n Ring dabei; Sie hat die Treu' gebrochen, Das Ringlein ſprang entzwei.

Da erblickte man Manchen düſter vor ſich auf den Teller oder an den Himmel hinaufſchauend, und dabei klangen ſämmtliche Stimmen nicht mehr ſo friſch, als zu Anfang des Liedes; doch fand ſich die fröhlichere Stimmung beim beneidenswerthen Leicht⸗ finne der jugendlichen Gemüther mit dem letzten Verſe wieder ein,

unnd jeder, der durch ein entſchwundenes Liebchen oder durch ein geſprungenes Ringlein tief gelitten, heiterte ſich bei dem Gedanken wieder auf, als Spielmann durch die weite Welt reiſen zu können und eine Weiſe zu ſingen, wo und wie es ihm gefiele.