284 Elftes Kapitel.
Frau Hildegard in einem tiefen, leicht erzitternden Tone.— „Doch bin ich nicht hieher gekommen,“ fuhr ſie gleich darauf mit ihrer gewöhnlichen, ſcharfen, verletzenden Stimme fort,„um vor Ihnen darüber meine Klagen oder meine Vorwürfe hören zu laſſen — man braucht keine Spanierin zu ſein, um in einer gerechten Sache ſtolz und hochmüthig aufzutreten— ich kam nur hieher, um Ihnen einen guten Rath zu geben!“
Conchitta ſaß da, auf ihr Skizzenbuch herabgebeugt, während ſie ihr Geſicht mit beiden Händen bedeckte. Bei den letzten Worten aber, welche ihre Nachbarin ſprach, richtete ſie ſich haſtig empor, ſtrich ihr dunkles Haar aus der Stirn und erwiederte mit einem leuchtenden Blicke:„So geben Sie mir denn einen guten Rath, Sennora, und ſeien Sie verſichert, daß ich Ihnen dankbar dafür ſein werde!“
Fühlte ſich Frau Hildegard in dieſem Augenblicke vielleicht ein wenig eingeſchüchtert durch den ganz veränderten Ausdruck im Ge⸗ ſichte ihrer Nachbarin, glaubte ſie weit genug gegangen zu ſein oder war ſie vielleicht betroffen von dem unverkennbaren Strahle von Hoheit und Würde, welcher aus deren glänzenden Augen blitzte — genug, ſie mäßigte den Ton Ihrer Stimme, ja, ſie legte eine Idee von Weichheit hinein, als ſie nach einem abſichtlich längeren Stillſchweigen fortfuhr:„Wenn ich vorhin ſagte, ich ſei hieher ge⸗ kommen, um Ihnen einen guten Rath zu ertheilen, ſo mag das anmaßend geklungen haben, und ich möchte um Alles in der Welt gerade Ihnen gegenüber nicht als anmaßend erſcheinen. Statt Ihnen deßhalb einen guten Rath zu geben, darf ich mir vielleicht erlauben, Ihnen eine Lebensregel anzuempfehlen.“
„Einen guten Rath hätte ich eben ſo gern von Ihnen ange⸗ nommen,“ erwiederte Conchitta, die ſich wieder völlig gefaßt hatte, „als ich Ihnen für eine Lebensregel dankbar bin.“
Frau Hildegard hatte mit der Spitze ihres Sonnenſchirmes anſcheinend abſichtslos und ſpielend den Strauß Maiblumen


