44 Erſtes Kapitel.
„Man ſuchte den ganzen Tag, man rief Juan's Namen durch alle Theile des Schloſſes, man holte einen Schloſſer und ließ oben die Zimmer aufbrechen, um auch da nach ihm zu ſchauen, man fand nichts; man ſetzte dieſe Nachforſchungen unter dem Jammer der Eltern die ganze Nacht fort, während wir Kinder, um den
armen Juan weinend, in unſern Betten lagen— vergebens.
„Am andern Morgen kamen Leute aus der Nachbarſchaft, die von dem Vorfalle gehört, um ſuchen zu helfen. Es wurden wieder⸗ holt alle Räume des Schloſſes, alle Gewölbe und Keller durchſucht — ohne Erfolg, und ermüdet davon ſowie abgeſpannt von Kummer und Thränen, hatten wir uns gegen Abend in die große Küche zurückgezogen, wo jetzt der Glöckner des benachbarten Dorfes, ein uralter Mann, umſtändlich jene ſchaudervolle Begebenheit noch⸗ mals berichtete, die ich vorhin erzählt: von dem unterbrochenen Hochzeitsfeſte und der verſchwundenen Braut.
„Da mit Einem Male öffnete ſich geräuſchlos die nur ange⸗ lehnte Thür der Küche und herein ſchlich die große, ſchwarze Katze des Hauſes, die man den ganzen Tag über nicht geſehen. Mit einem grellenden Schrei ſprang die Mutter des verlorenen Knaben auf ſie zu, denn die Katze trug um ihren Hals Juan's dunkelrothe Halsbinde. So ſcheu das Thier auch gewöhnlich gegen alle Be⸗ wohner des Hauſes war, ſo that es doch heute außerordentlich zu⸗ thulich gegen die Frau, ließ ſich von ihr auf den Schooß nehmen, ſchien gern zu leiden, daß die arme Mutter ſie ſtreichelte und küßte, und als deren heiße Thränen auf ſie hinabfielen, ſchaute die Katze faſt verſtändig zu ihr empor. 3
„Was war nun vor der Hand zu thun? Darüber wurde eine Zeit lang hin und her berathen. Es war als ſicher anzunehmen, daß ſich der Knabe in irgend einem Verſtecke befand, wo ihm kein Ausweg möglich war, wohin aber die Katze auf ihren eigenen Pfaden hatte ſchleichen können. Dieſe Pfade mußten aufgefunden werden, um zu Juan zu gelangen. Man löste die Halsbinde ab,


