Teil eines Werkes 
52. Bd. (1873) Werke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher. 21

hochgeſchwungenen Brauen waren von einem ſammtartigen Schimmer. Sie hatte ihre feinen Lippen etwas geöffnet, unter denen blendend weiße Zähne hervorblitzten.

Vor dieſer intereſſanten jugendlichen Erſcheinung, ſie aufmerk⸗ ſam betrachtend, ſaß auf einem kleinen Polſter am Boden ein Mäd⸗ chen von vielleicht neun Jahren, ſehr zartem, ſchmächtigem, ja faſt kränklichem Ausſehen. Es hatte ein blaſſes, eingefallenes Geſicht⸗ chen, aber mit einnehmenden Zügen, zu welchen die auffallend hellen und glänzenden Augen nicht ganz paſſend erſchienen, wenig⸗ ſtens auf eine geiſtige Erregtheit deuteten, und die mit den müden Bewegungen ſeines Körpers durchaus nicht harmonirten; es hatte ſeine kleinen Hände über den Knieen gefaltet und blickte angelegent⸗ lich in das ſchöne Geſicht der jungen Dame, welche ihm, ſowie der Maler ſeinen Blick von ihr ab und auf das Bild wandte, zuweilen mit Hand und Auge freundlich zuwinkte, worauf das kleine Mäd⸗ chen eifrig mit ſeinem Kopfe nickte.

Neben dem Herrn des Ateliers, etwas zur Seite, doch ſo, daß er die junge Dame ebenfalls im Auge hatte, ſtand ein anderer Künſtler, ein ſehr junger Mann von neunzehn oder zwanzig Jahren, eine ſchöne, ſchlanke Figur mit einem ausdrucksvollen, jugendlich ſchönen Geſichte, das aber in ein paar ſchwachen, wenn auch durch⸗ aus nicht unangenehmen Zügen den Engländer verrieth, krauſem, hellblondem Haupthaare und eben ſolchem vollen, wenn auch noch ſehr weichem Barte. Die elegante Geſtalt des letzeren wurde noch durch ſeinen Anzug hervorgehoben, der aus einem etwas phan⸗ taſtiſchen Ueberwurfe von feinem, ſchwarzen Sammt beſtand, aus dem ein blendend weißer, breit umgeſchlagener Halskragen hervor⸗ ſchaute, der von einem gelbſeidenen Tuche zuſammengehalten war, ſowie die aufgeſchlitzten, weiten Aermel auch hier die tadelloſe Wäſche ſehen ließen. In der linken Hand hielt er ein Skizzenbuch ſo unge⸗

zwungen und anmuthig, daß er hierin, wie mit ſeiner ganzen ſchö⸗

nen Geſtalt, irgend welchem Anderen zum Modell hätte dienen können.