254 Reiſeluſt.
alſo ein Geſetz und Gebot, wonach ſich richten ſollten die kommenden Geſchlechter. Und welch' ein Troſt iſt es für den armen Sünder, von dem lebendigen Schwerte getroffen zu werden, ſtatt abgeſchlachtet von einer gefühlloſen Maſchine!— Wehe! Wehe der Guillotine!“
„Ja, ſie iſt es,“ fuhr der Redner fort, wobei ſeine Stimme oft gewaltig klang, um gleich darauf zu einem kaum hörbaren, aber doch ſehr verſtändlichen Säuſeln herabzuſinken,„ſie iſt es, dieſe verruchte Maſchine, welche die Poeſie aus unſerem ſonſt ſo ehrwürdigen Stande verbannt hat, welche unſere von unſeren Eltern und Voreltern ererbte Kunſt zu einem Handwerk herabſinken ließ.“
„Wehe! Wehe der Guillotine!— Ja, Wehe über dieſes feige Inſtrument! Und um wenigſtens zu verſuchen, ob es der ver⸗ einten Kraft deutſcher Scharfrichter nicht gelingen kann, dem altehr⸗ würdigen Richtſchwert wieder zu ſeinem guten Rechte zu verhelfen, nachten wir hier, werthe Kollegen, Freunde und Vereinsbrüder!“
„Fluch der Guilllotine!“
„Ja, Fluch ihr und thatkräftiges Zuſammenhalten— denn nur die Vereinigung macht ſtark.“
„Stark— ſtark— ſtark!“
War es der ungewiſſe dämmerige Schein des Mondes oder die eigenthümlich ſummende, ſeufzende Art, mit welcher der Redner ſprach, und das ſonderbar hinſterbende Geflüſter, mit dem der Chor antwortete, genug, unſer entſetzter Zuſchauer, Herr Schmauder, obgleich er Alles deutlich ſah und hörte— denn ſein Wirth hatte ihn trotz des Sträubens dicht an die Lichtung vorgeſchoben— wurde von einem ſchwindelhaften Gefühle beherrſcht, als würde er mit Wald und Lichtung, ja mit der ganzen Verſammlung lang⸗ ſam, aber unaufhörlich im Kreiſe herumgedreht, und dabei ſchien der volle Mond nicht einmal unbeweglich am Himmel zu ſtehen, denn er zuckte zuſammen und verzog ſein ſonſt ſo ernſtes Geſicht unverkennbar zu einem grinſenden Lachen.
„So wollen wir denn unſere Berathung beginnen,“ nahm der Redner in der Mitte des Kreiſes wieder das Wort,„nachdem wir
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