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Reiſeluſt. 243
ſich auf einem falſchen Zuge— Sie wollen nach Bamberg und dieſer geht nach Würzburg.“
Jetzt aber war die Geduld des unglücklichen Eiſenbahnſchlacht⸗ opfers erſchöpft, und was er lange nicht gethan, er fluchte und riß ſich in Verzweiflung fluchend ſeine unſchuldige Reiſemütze vom Kopfe: „Kreuztauſendmillionen Schock Donnerwetter— ſo wollt' ich doch, daß der Teufel hinein führe!“
„Was auch nicht viel helfen würde,“ erwiederte der Schaffner in philoſophiſcher Ruhe,„ich will es dem Zugmeiſter melden und glaube ſchon, daß er Sie die Fahrt von Nürnberg nach Würzburg nicht nach⸗ zahlen laſſen wird— thut mir recht leid— wenn Sie indeſſen auf der fürther Kreuzung ausſteigen wollen, ſo dürfen Sie es nur ſagen.“
Der Oberreviſor ſchlug die Arme übereinander, preßte die Zähne zuſammen und murmelte mit einer hartnäckigen Entſchloſſen⸗ heit:„Nein, ich will nicht an der fürther Kreuzung ausſteigen, ich will nach Würzburg fahren oder meinetwegen zum Teufel.“
„Wie es Ihnen beliebt.“
Auch dieſes Mal befand man ſich wieder zu Achten im Wagen, doch entdeckte unſer Reiſender nach einiger Zeit, daß er viel be⸗ quemer ſaß, als vorher bei den Schützen. Bis jetzt hatte er ſeine Reiſegeſellſchaft noch keines Blicks gewürdigt und ſchaute nun erſt um ſich her, beſonders weil er entdeckte, daß keiner der Mitfahren⸗ den ein Wort ſprach, keiner rauchte und daß ſich ſein Nachbar mit einer gewiſſen Scheu vor ihm in die andere Ecke zurückzuziehen ſchien. Dieſer Nachbar, obgleich ein Mann in vorgerückten Lebens⸗ jahren, hatte langes, glatt herabfallendes Haar, trug eine weiße Halsbinde und einen ſchwarzen Anzug; ebenſo war deſſen Gegenüber gekleidet, ſowie alle Anderen, und ſie bildeten ſtill und ſchweigſam mit würdevollem Geſichtsausdruck eine ſehr ernſte Geſellſchaft.
Dem Oberreviſor war indeſſen dieſe Ruhe nach den bewegten Stunden, die er durchlebt, durchaus nicht unangenehm, obgleich er ſich anderntheils geſtehen mußte, daß ein unterhaltendes aber leiden⸗
ſchaſtsloſes Geſpräch mit Menſchen noch mehr im Stande geweſen


