238 Reiſeluſt.
und wenn Sie nirgendwo unterkommen, ſo müſſen's halt vier Stunden auf den nächſten Zug warten.“
Da ſtanden die Wagen, da wurden eilfertig die Thüren auf⸗ geriſſen und da ſprangen die Paſſagiere eben ſo eilfertig wieder heraus, um vielleicht ein Tröpfchen Bier zu erhalten oder ſonſt etwas— zu beſorgen.
Da wurde gelacht und geplaudert, auch wohl ein Juchzer gehört oder ein Bekannter im vierten oder fünften Wagen mit gewaltiger Stimme angerufen— da wimmelten alle Wagen voll grauer Juppen und ſpitzer grüner Hüte mit Gemsbart und Spiel⸗ hahnfeder und beſteckt mit grünen, rothen und weißen Zetteln, lauter gemüthlich ausſehende, heitere Leute mit ſo luſtigen Geſich⸗ tern, daß es wahrhaftig eine Freude ſein mußte, mit ihnen zu fahren, wenn man nur erſt einen Platz gehabt hätte.
Herr Schmauder lief, ſeinen Nachtſack in der Hand, an der Wagenreihe hin und her, und überall, allüberall, wo er mit einer bittenden Geberde hinſchaute, ſchallte es ihm entgegen, daß hier ſchon Alles beſetzt ſei. Dabei wurde er zuweilen unſanft auf die Seite gedrückt, da er einem Glücklicheren im Wege ſtand, der zu⸗ rückkam, um ſeinen alten Platz wieder einzunehmen. Dazu dräng⸗ ten die Schaffner zum Einſteigen und dazu lärmte die Eiſenbahn⸗ glocke mit einer erſchreckenden Haſt das letzte Zeichen, weßhalb ſich unſer armer Reiſender mit dem Muthe der Verzweiflung in den erſten beſten Wagen ſchwang und trotz der kräftigſten Proteſtationen der Inſitzenden dort nicht auf einen Sitz, ſondern auf den Schooß eines wohlbeleibten Schützen niederſiel, welcher unglücklicherweiſe ſeine Büchſe auf den Knieen liegen hatte, ſo daß ein unnennbarer Theil von Herrn Schmauder's Körper mit dem gefühlloſen Eiſen des Hahnkamms in unangenehme und ſchmerzliche Berührung kam.
Er konnte ſich auch nicht enthalten, mit einem Schmerzensrufe wieder in die Höhe zu ſchnellen, vielleicht wieder zum Wagen hinaus, wenn die Thüre hinter ihm nicht augenblicklich zugeſchlagen worden wäre, wobei er ein ſo jammervolles Geſicht machte, daß ſämmtliche


