Der Toreador.
Selbſt der Wechſel der Jahreszeit hat wenig Einfluß auf die Schön⸗ heit Sevillas; mag man es beſuchen im Herbſt und Winter, wenn der Boden in den ewig grünen Orangenwäldern rings um die Stadt mit goldenen Früchten bedeckt iſt und wenn der Windhauch vom Gebirge die heiße Luft des Sommers abgekühlt hat— mag man Sevilla beſuchen, wenn der glühende afrikaniſche Wind die Be⸗ wohner lähmend angehaucht hat, wenn die ſonſt ſo heitere und glückliche Stadt am Tage faſt wie ausgeſtorben ſcheint unter dem Drucke der Alles verſengenden Sonne, wenn Fenſter und Augen ſchläfrig geſchloſſen ſind— auch dann hat Sevilla ſeine wunder⸗ baren Stunden, die Stunden der Nacht, wo Mond und Sterne in einem blendenden Glanze am Himmel funkeln, einen zweiten Tag mit zauberhafterem, weicherem Lichte hervorlockend, wo die Blüten der Orangen, der Roſen und des Jasmins ſtärker duften, wo auf dem Strome zahlloſe Nachen mit buntfarbigen Laternen hin und
wieder rudern und an verſteckten Plätzen die angenehme Friſche des Waſſers zum Baden einladet. Das Leben und Gedränge auf der Alameda in der Nähe des goldenen Thurmes gegenüber von Triana am Ufer des Fluſſes erſcheint dann wie ein phantaſtiſches Masken⸗ ſpiel: unter rauſchender Militärmuſik beim Scheine zahlloſer Lichter ergehen ſich die vornehmen Sevillanerinnen mit ihren Freundinnen, Verwandten und Geliebten, den ſchwarzen Schleier mit ein paar glühenden Granatblüten ſo kokett um das ſchöne Haupt geſchlungen, mit der ſchlanken Taille, dem elaſtiſchen Gange, den kleinen Füßchen und mit ſprühenden Augen, den Fächer rauſchend auseinander⸗ ſchlagend und langſam wieder zuſammenfallen laſſend, um jetzt leicht die Mantille damit zu berühren, um ihn hängend am Handgelenk zu tragen— Alles leicht verſtändliche Zeichen der Fächerſprache, die von den glücklichen Apaſſionnados in ritterlicher Diskretion mit der Handſchuhſprache erwiedert werden, wogegen auf der anderen Seite des großen Spazierganges beim Scheine des Mondes ein nicht minder lebhaftes, aber noch weit anziehenderes Treiben herrſcht.
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