Familien⸗Concert. 269
alles wohl verſtanden, einen ſo fürchterlichen Eindruck machte, daß ſie mit einem lauten Aufſchrei in ihren Stuhl zurückfiel.
Herr Strammer hatte indeſſen ſeine Haltung gänzlich verloren. Er verſuchte es noch einmal wieder anzufangen, aber er brachte keinen Ton aus der trockenen Kehle hervor, worauf er den beſten Ausweg ergriff, ſein Notenblatt ſinken ließ, ſchnell ſein Schnupftuch hervor⸗ holte, und indem er Naſenbluten affektirte, nicht ohne einen wahrhaft entſetzlichen Blick auf den Kavallerieoffizier davonſtürzte.
Naſenbluten iſt nichts Gefährliches, vielmehr nur eine Erleichte⸗ rung, und die ſchien ſich der ganzen Zuhörerſchaft in dieſem Augen⸗ blicke mitzutheilen, denn alle hofften, nach dieſem Zwiſchenfalle würde das Concert zu Ende ſein und ihnen die Polonaiſe geſchenkt werden. — Vergebliche Hoffnung!— Fräulein Laura Zwicker, die ihre Schweſter mit einem ſanften Ellenbogenſtoß wieder zu ſich ſelbſt ge⸗ bracht hatte, ſchritt erbarmungslos auf das Piano zu, der Flötiſt Herr Wölfel legte die Noten auf und blieb zum Umwenden an ihrer Seite. Glücklicherweiſe hatte das Abſtürzen des Herrn Strammer einige Aufregung, einiges Stuhlrücken verurſacht, und dieſes Ge⸗ räuſch den Herrn Volontär Schmelzing aus ſeinem Halbſchlummer erweckt, in den er, gelehnt an die Porzellan⸗Etagére, verſunken war. Jetzt blickte er auf, ſah Laura am Klavier ſitzen und hatte die Geiſtes⸗ gegenwart nicht nur freundlich zu lächeln, ſondern ſeine Hände zu erheben und pantomimiſch im Voraus zu applaudiren. Daß jetzt ringsumher tiefe Stille herrſchte, dafür ſorgten die Kanzleibeamten des Regierungsraths Zwicker. Laura ſpielte nicht übel, und Liszts Polonaiſe begann, würdig des ſchönen Werkes; aber ein tückiſcher Dämon ſchien ſich nun einmal vorgenommen zu haben, das Familien⸗ Concert zu keinem glänzenden Ende gelangen zu laſſen. Schmelzing, das Ungeheuer, war nach den erſten Takten wieder ſanft entſchlummert. Laura, die häufig auf ihn blickte, mochte vielleicht ſein geſchloſſenes Auge für ein inniges Genießen der Muſik halten, denn daß ſein Kopf keine auffallende Bewegung machen konnte, dafür ſorgte die Porzellan⸗ Etagsre, an welcher er ſich feſtlehnte.
Eine Stelle der Polonaiſe, wo die Finger ſanft über die Taſten hingleiteten, piano pianiſſimo, hatte Laura meiſterhaft vorgetragen


