Gefährliche Blumenſträuße. 229
„Erſt wenn man im Grunde der Schlucht ankommt,“ fuhr er nach einer Pauſe ruhiger fort,„genießt man den Anblick des ganzen majeſtätiſchen Waſſerfalles. Neben dem Hauptfalle, der wie ein breites, ſilbernes Band zwiſchen dem dunklen Grün herabſtäubt, befinden ſich noch andere Waſſerſtreifen, die das Ganze dadurch noch lebendiger machen, daß ſie ein paarmal an die Felsblöcke prallen, wo ſie große Schaummaſſen nach allen Seiten hinausſpritzen. Tief unten treffen aber ſämmtliche Waſſer mit donnerähnlichem Getöſe grollend und murmelnd zuſammen, wo denn auch der Waſſerdunſt über tauſend Fuß hoch gen Himmel ſteigt. So oft Freunde aus Italien kommen, die Terni beſuchten, erkundige ich mich jedesmal, ob an dieſem wunder⸗ baren Punkte auch noch die kleine Hütte ſteht, in einer engen Fels⸗ ſpalte mit dem Dach von alten morſchen Stangen, welches die Natur mit Jelängerjelieber⸗ und Brombeergeſträuch zugedeckt. Wie ruht man hier ſo behaglich aus; der Körper iſt angenehm ermüdet, das Herz, weit geöffnet, ſo empfänglich und ſchlägt ſchneller als gewöhnlich, nicht wahr?“
„Das in Parentheſe,“ warf der Vicomte dazwiſchen,„denn es gehört eigentlich nicht zur Geſchichte.“
„Bald mußten wir indeſſen an die Heimkehr denken. Der Sonnen⸗ ſchein hatte uns längſt verlaſſen, und Waſſerſtaub und Nebel, welche vor einer Stunde noch Alles mit Licht und Glanz erfüllt, färbten nun die Felſen und Schluchten mit bläulichen, dunklen Tinten. Durch eine herrliche Kaſtanienallee bei einem alten Schloſſe vorbei, welches auf einem ſchwarzen, rings von der Nera umflutheten Felſen ſtand, kamen wir nach Terni zurück, wo wir mit den drei Damen, gemeinſchaftlich dinirten. Dann wurde über die Abreiſe berathſchlagt welche noch am ſelben Abend ſtattfinden ſollte, da es uns Alle drängte,
aam nächſten Tage Rom zu erreichen. Die Gegend um Terni, nament⸗
lich der Weg nach Narni und Otricoli, war uns ſchon in Perugia
als wieder einmal unſicher geſchildert worden. Den Damen hatte man recht Angſt gemacht, und unſer Wirth in Terni, deſſen Meinung wir
—


