226 Neunzehntes Kapitel.
drießlich, wenn nicht Alles nach Wunſch gegangen; der Inſpicient, der ſich entſchuldigt, daß die Piſtole nicht zur rechten Zeit los ge⸗ gangen, oder daß Herr KX einen Augenblick zu ſpät aufgetreten. Und zu ihnen tritt der Kapellmeiſter, wiſcht ſeine Brille ab, ver⸗ theilt eine Priſe und meint, der erſte Akt ſei nicht ganz ſchlecht gegangen, nur ſeien es der Bäſſe zu wenig, die Violinen zu ſchwach beſetzt, und wenn dem nicht abgeholfen würde, ſolle der Henker dirigiren.
Die Choriſten und Choriſtinnen halten ſich in der Nähe der großen Oefen auf; Erſtere ſind gelangweilt, denn ſie haben den ganzen Abend draußen zu ſtehen, und dann wird die Geſchichte vorausſichtlich bis gegen zehn Uhr dauern; von den Choriſtinnen ſtehen Einige in Gruppen bei einander, unterhalten ſich nicht ohne Neid von den neuen und viel geſchmackvolleren Coſtümen der Tän⸗ zerinnen, daß da nichts geſpart werde an Sammt und Seide, daß die Tricots immer ſchöner und die Röcke immer kürzer würden. So ſprechen die Jüngeren vom Chor, während die alte Garde da⸗ neben auf einigen Bänken von dem langen, ermüdenden Stehen ausruht und wollene Strümpfe ſtrickt.
Das dauert hier Alles ſo lange, bis der Obermaſchiniſt ge⸗ meldet, die neue Decoration ſtehe, meiſtens aber, bis der Inſpicient aus den Garderoben zurückkommt und dem Regiſſeur anzeigt, daß Madame& oder Fräulein Y mit ihrer Toilette ſo weit gediehen ſei, daß der zweite Akt beginnen könne.
Das Umkleiden der Damen iſt ein ſchrecklicher Hemmſchuh im Theater, und manches Stück, das durch ein raſches Spiel ſich die Gunſt des Publikums erwerben würde, wird zu Grabe getragen, weil der erſte Liebhaber oder die erſte Liebhaberin es für nöthig findet, ſich jeden Akt in einem neuen Coſtüm zu zeigen. Von einer Dame kann man ſich das ſchon gefallen laſſen, aber bei einem Manne grenzt ſolch maßloße Eitelkeit ſchon an's Fabelhafte, und ſollte nicht ge⸗ duldet werden.


