Teil eines Werkes 
16. Bd. (1855) Werke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Ein Loch im Vorhange. 47

„Allerdings, entgegnete Thereſe,„doch ich ſehe da Niemand als den alten General von L.“

„Ja, auf dem erſten Rang,“ erwiderte die Andere eifrig. „Ich meine aber den zweiten Rang.“

„Ah! du meinſt den zweiten Rang!“ verſetzte Demoiſelle Thereſe in gedehntem Tone.„Das wird ſich kaum der Mühe verlohnen. — Nun, wir wollen nochmals zählen. Die erſte, zweite, dritte, vierte Säule— halt!“

Hierauf ſchaute ſie einen Augenblick aufmerkſam hinaus, dann fuhr ſie heftig zurück und rief aus:„ah! Marie! du mußt dich irren; der Herr in der dritten Loge kann's doch nicht ſein! Oder iſt der, den du meinſt, vielleicht gerade weggegangen; ſieh' noch einmal hin.“

Die jüngere Tänzerin ſah nach dieſer Aufforderung über die Achſel ihrer Freundin, dann ſagte ſie ruhig:„nein, er ſitzt noch da; ſieh, er ſcheint ſich zu langweilen, er legt den Kopf in die Hand.“

„Ganz richtig. Und du irrſt dich nicht?“

„Wie ſollte ich mich irren! Ich habe ihn vorhin ganz deut⸗ lich geſehen und gleich erkannt.— Du weißt alſo, wer er iſt? Und die Dame, die neben ihm ſitzt?“—

„Die Dame, die neben ihm ſitzt, iſt ſeine Frau.— Schöne Geſchichten!“

„Das wäre ſchrecklich!“ rief das junge Mädchen aus.„Was iſt da zu thun, Thereſe? O denke nach; du mußt mir helfen!“

Dieſe blickte, ohne eine Antwort zu geben, noch eine Zeit lang in das erleuchtete Haus, dann trat ſie einen Schritt zurück und auf ihrem ſchönen Geſichte zeigte ſich ein finſteres Lächeln. Sie preßte die Lippen zuſammen, ſtemmte die rechte Hand in die Hüfte und fuhr mit der linken über die Stirne, während ſie eifrig nachzudenken ſchien.—„Ja, ja, es wird gehen,“ ſagte ſie nach einer längeren Pauſe.„Warte, Heuchler!“

„Du kennſt ihn alſo?“ fragte Marie,