10 Erſtes Kapitel.
Berg herüberlugen ſieht, ſo wendet man unwillkürlich ſeinen Blick, um zu ſehen, was es da unten Merkwürdiges gebe.
Ahl es iſt die große Stadt, die vor uns weit ausgeſtreckt im Thale liegt; in allen Farben zeigen ſich die Häuſer, ein wahres Chaos von Grau, Grün, Roth, Blau, Schwarz mit ebenſo vielen Schattirungen und unbeſchreiblichen Tönen. Dazwiſchen heben ſich die rieſenhaften Thürme zahlreicher Kirchen hervor, ſind aber trotz ihrer ausgezeichneten Geſtalt nicht deutlich zu erkennen, denn der Nebel von geſtern und vorgeſtern erſcheint plötzlich wieder und zieht graue Schleier über die Stadt; dazu dampfen Tauſende von Schornſteinen und Alles das bildet in weniger als einer halben Stunde eine ziemlich dichte Decke, durch welche man nur noch in einzelnen Umriſſen die Häuſermaſſen ahnet. Doch wird der Nebel nicht oben bleiben: er ſinkt zuſehends tiefer und tiefer und gibt uns jetzt einen neuen unbeſchreiblich ſchönen Anblick. Gänzlich verſchwunden iſt die Stadt und es iſt gerade, als ſtänden wir am Rande eines ungeheuren See's— jenes verzauberten See’s, deſſen wir uns aus unſerer Kindheit erinnern, in welchem die verſunkene Stadt liegt, die wir, wenn wir ſie auch nicht ſehen, doch hören. An unſer Ohr ſchlägt dumpfes Murmeln und Raſſeln, zuweilen rollt es deutlich auf dem Pflaſter, und wenn wir noch nicht über⸗ zeugt waren, ſo ſind wir es im nächſten Augenblicke, denn viele Uhren ſchlagen hell und deutlich die vierte Nachmittagsſtunde.
Da nun aber die vierte Nachmittagsſtunde an einem Tage im Monat Dezember nicht weit von der Nacht entfernt iſt, ſo wollen wir unſere Zauberlandſchaft verlaſſen und uns zur Stadt hinab begeben. Fürchte ſich der geneigte Leſer nicht vor dem Nebel: er ſcheint artig gegen uns zu ſein und ſinkt ſchneller hinab als wir gehen. Schon treten die höheren Gebäude wieder aus der ſcheinba⸗ ren Waſſerfluth empor, und jetzt, da wir das Thor erreichen, ſind die grauen Schleier mit Hülfe eines leichten Abendwindes zerriſſen und wehen nur noch in einzelnen Stücken um unſer Geſicht, wäh⸗


