Teil eines Werkes 
13. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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256 Der Leibſchneider der Zwerge.

den Schnee, der auf dem Boden lag und an den Zweigen der Tannenbänme hing. Nun erſt wurde es dem glücklichen Philipp klar, woher er plötzlich in ſechs Nächten aus dem Sommer mitten in den Winter verſetzt worden war; denn da die Zwerge ſich ihm nur von Monat zu Monat zeigen durften, ſo hatten ſie in den Zwiſchenzeiten ihn mit einem Zauber umgeben, der ihn jedesmal einen ganzen Monat ſchlafen ließ.

Obgleich es ſo Februar und ziemlich kalt geworden war, ſo hatte doch Philipp den Vortheil, daß er jetzt den Weg aus dem Tannenwalde finden konnte, da an den niedern Sträuchern keine Blätter mehr hingen, die ihm die Ausſicht verſperrten. Rüſtig ſchritt er zu und jauchzte vor Freuden laut auf, als vor ihm aus dem Thal der majeſtätiſche Dom Kaiſer Karls emporſtieg. Bald hatte er die Mauern der Stadt erreicht und durchlief eilig die Straßen nach Meiſter Caspars Hauſe.

Dieſem hatte unterdeſſen ſeine Härte gegen Plilipp leid ge⸗ than und er ſowohl wie Roſa weinten heiße Thränen, als der Vetter, freilich in etwas abgeſchabtem Anzuge, in's Zimmer ſtürzte. Doch wie groß war das Erſtaunen und die Freude, als Philipp nun aus ſeinem Ranzen ſechs vollwichtige ſchwere Goldgulden hervor⸗ zog und ſie nebſt der Erzählung alles Wunderbaren, was ihm paſſirt, vor des Meiſters Augen ausbreitete. Dieſer gab ihm der Formalität wegen noch eine kleine Probezeit auf, um zu ſehen, ob er ſeine Plauderhaftigkeit abgelegt, und fand darnach, daß Philipp ſich ſo gebeſſert hatte, daß er ihm in kurzer Zeit ſeine Kundſchaft übergeben und ihn mit der glücklichen Roſa verheirathen konnte. Seit der Zeit gab es aber auch keinen fleißigeren und ausdanern⸗ dern Arbeiter als Philipp; denn wenn ihn anfänglich auch die Luſt anwandelte, aufzuſchauen und zu plaudern, ſo empfand er in ſeinen Ohren ein leiſes Jucken, ſowie einen feinen Stich in der Hand, was ſich aber auch nach und nach verlor. Das Verſprechen der Zwerge bewährte ſich und die Goldgulden, die in einer beſondern Truhe verſchloſſen wurden, gaben bei kleinen Verlegenheiten das nöthige Geld willig her und blieben ſo unangetaſtet im Beſitz der milie.