10 4 Einundvierzigſtes Kapitel.
und Mooſe angeſetzt, hatten ſich dieſe hie und da ſo weit vorge⸗ ſchoben, daß ſich der Weg einen großen Bogen zu machen ge⸗ nöthigt ſah.
„Kommt dir das nicht alles ſo heimlich und bekannt vor?“ ſagte Eugen zu ſeinem Freunde;„mir iſt es gerade, als ſei ich hier ſchon geweſen, als habe ich namentlich dieſen Weg der Mauer entlang ſchon hundert Mal gemacht.“
„Ja, ja,“ entgegnete Herr Sidel,„es geht einem zuweilen ſo. Hier iſt das nun eigentlich kein Wunder, denn das alte Kirchlein da unten hat ſo viel Aehnlichkeit mit anderen, wo wir ſchon waren, und auch das Gemäuer, neben dem wir wirklich dahergehen. Erinnere dich, es befindet ſich etwas ſo ſehr Aehnliches in E., daß
man wohl die beiden Orte mit einander verwechſeln und glauben
kann, man wäre hier ſchon geweſen, während einem doch nur das
Andere vorſchwebt.“
„Ganz recht! dies mag hier der Fall ſein; aber dir iſt es gewiß auch ſchon im Leben begegnet, daß du Städts, Gegenden, wo du niemals geweſen, nun auf einmal auf deinen Reiſen vor dir ſiehſt und du dir plötzlich befremdet ſagen mußt: das iſt mir nicht unbekannt, das habe ich alles ſchon einmal geſehen.“
„Vielleicht in Abbildungen,“ meinte Herr Sidel.
„O nein, gewiß nicht!“ fuhr Eugen fort.„Abbildungen zeigen dir nur eine einzige Seite, und wenn du nicht gerade auf den Punkt kommſt, von wo man ſie aufgenommen, ſo erkennſt du meiſtens das Original nicht wieder, und dann iſt die Kenntniß, welche du auf jene mir unbegreifliche Art von fremden Städten und Gegenden erhältſt, eine ſo wahre, eigentlich möchte ich ſagen, erſchreckend genaue. Wenn du mich nach deiner löblichen Gewohn⸗ heit nicht auslachen willſt, ſo möchte ich dir eingeſtehen, daß ich zuweilen im Traum glaube, ſolche Städte, ſolche Orte geſehen zu haben, die ich alſo nun ſpäter in der Wirklichkeit ſo plötzlich wieder erkenne.“
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