Neununddreißigſtes Kapitel.
der Herr Sidel das Stillſchweigen, das einige Minuten geherrſcht, „jeßt ſchwebt ein ſchrecklicher Dunſt über den Straßen und Häuſern, und deßhalb begreife ich auch vollkommen, weßhalb die Sonne dort gegen hier oft ſo verdrießlich ſcheint und weßhalb es bei uns in den Straßen gleich ſo unangenehm heiß wird, während hier die Luft ſo lange kühl und erquickend bleibt. Die arme Sonne im Kampf mit dem ſchlechten Geſindel, dem Dampf und Rauch, plagt und er⸗ müdet ſich, indem ſie daſſelbe verjagt und niederdrückt, und dabei erhitzt ſie ſich begreiflicher Weiſe und brennt alsdann unbarmherzig herab, wenn ſie nun endlich Siegerin geworden iſt.— Jetzt öffnen ſich nach und nach langſam die Fenſter in den Häuſern der Stadt, und verdrießliche Geſichter ſchauen heraus und denken an die Lange⸗ weile, die ſie den ganzen lieben Tag über auszuſtehen haben.“
„Auch wir haben es nicht beſſer gemacht,“ meinte Eugen,„als wir noch in der Stadt waren.“
„Aber jetzt fühlen wir doch ganz anders,“ entgegnete der luſtige Rath;„ich wenigſtens und du theilweiſe auch, obgleich ein guter Theil deines Weſens— deine Gedanken nämlich— noch in der Stadt zurückgeblieben ſind.“
„Das läugne ich gar nicht,“ ſagte Eugen;„es iſt mir das im Leben leider ſchon oft vorgekommen, und ich halte es für ein großes Unglück. Eine Sache, die ich beſitze, der ich nahe bin, wird mir leicht gleichgültig, verliert wenigſtens an Intereſſe für mich; aber ſowie ich mich von ihr entferne, wird ſie mir wieder theuer, und dieſes Gefühl wächst mit der Größe der Entfernung.“
„Das iſt aber für deine zukünftige Frau eine ſehr ſchlechte Ausſicht,“ meinte lachend der luſtige Rath.„Oder gilt deine Be⸗ merkung von ſo eben nicht derartigen Gefühlen?“
„Leider wohl auch!“ entgegnete Eugen.„Aber du mußt mich recht verſtehen: in dem Falle braucht es keine Entfernung von Ta⸗ gen und Meilen, da zieht es mich ſchon wieder mächtig zurück, wenn ich erſt eine halbe Straße durchwandert, und ſchon nach einigen


