46 Vierundzwanzigſtes Kapitel.
nach einer Pauſe fort;„das kann und wird Herr Müller niemals annehmen. Nie, nie, gewiß nie! Wenn ich ihm damit komme und ihm ſage, ich hätte Ihnen ſeine Lage verrathen, und hinzuſetzen muß, Sie wollten ihm helfen— das überlebte er nicht, das drückte ihn zu Boden.“
„Aber Sie können es ja anders einkleiden! Sie kennen ja gewiß ſeine Familie vollkommen, Sie können z. B. ſagen: ein entfernter Verwandter, ein Vetter, ein Onkel und dergleichen habe an ihn gedacht.“
Frau Schilder beobachtete langes Stillſchweigen und ſchien in ihrem Herzen das Für und Wider dieſes edlen Vorſchlages reiflich zu überlegen. Oftmals ſchüttelte ſie heftig den Kopf, und Cle⸗ mentine ſaß dabei, in der quälenden Erwartung, die Frau würde ſagen: nein, es geht nicht, es geht wahrhaftig nicht! Aber dies that dieſe ehrwürdige Frau im Dienſte des Herrn Johannes Müller
nicht. Sie ſeufzte tief auf, ſie verdrehte die Augen auf eine ſchreck⸗
liche Art, ſie fuhr mit der Hand über ihr Geſicht, als ob ſie ihre Thränen abwiſchte, und dann reichte ſie dieſelbe Hand der Jungfer Strebeling dar und ſagte in entſchloſſenem Tone:„nun gut, ich will es wagen. Schicken Sie mir das Geld, ich will ſehen, ob er es annimmt; aber wenn er es nicht thut, ſo müſſen Sie es augenblicklich zurücknehmen, und dann ſchwöre ich Ihnen zu, daß ich nie mehr einen Schritt in der Sache thue. O, der Herr Müller iſt ſo zart, ſo gefühlvoll! Sie haben gar keine Ahnung davon.
„O doch, doch!“ ſagte Clementine lächelnd vor ſich hin und dachte an das Geſpräch bei der Zuſammenkunft im Stadtgraben, namentlich aber an das Gänſeblümchen.
Nachdem die Unterredung ſo weit gediehen, waren beide Theile froh, daß ſie über dieſen delikaten Punkt im Reinen waren.
„Nur die Größe der zu gebenden Summe muß noch feſtgeſtellt werden,“ meinte Clementine.


