Teil eines Werkes 
10. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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Heute roth, morgen todt. 285

warmes Herz, das dich hieher getrieben aus dem Frühling des Lebens in dieſen Winter des Todes?

So erzählte Doktor Wellen, und die Geſellſchaft ſaß bei die⸗ ſer Erzählung ruhig und ſtill.

Präſident! ſagte nach einer langen Pauſe der dicke Herr mit dem rothen Geſicht,ich glaube, Ihr macht es wieder wie die ſchlech⸗ ten Schriftſteller: Ihr habt gewiß noch etwas von jener Erzählung auf dem Herzen und haltet damit hinter dem Berge. Heraus da⸗ mit! Erzählen Sie ein glückliches Ende der Geſchichte, ſonſt thue ich aus Alteration die ganze Nacht kein Auge zu, und Ihr werdet morgen zu einem Kranken mehr gerufen.

Das ſollte mir leid thun, entgegnete der Doktor mit einem trüben Lächeln;aber ich kann euch wahrhaftig nicht mehr ſagen, als ich weiß. Seit jenen für mich ſo denkwürdigen Tagen ſind einige Jahre verſtrichen, und obgleich ich mehreren Kollegen, die dort bleiben, für dieſen Fall meine Adreſſe hinterließ, habe ich nicht eine Sylbe erfahren mir ein ſicheres Zeichen, daß der unglückliche Freiwillige geſtorben iſt. Aber es iſt nun über alle Maßen ſpät geworden, wahrhaftig ein Uhr lange vorüber, und ich erkläre hiemit die heutige Sitzung als aufgehoben.

Der Präſident ſetzte nach dieſen Worten ſeinen Hut auf; die Lampe und der Leimtopf wurden dem Kellner feierlichſt zur Auf⸗ bewahrung eingehändigt, und die Geſellſchaft ging aus einander.

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