Bekanntſchaft einer würdigen Mutter. 15
durch das Leben und Weben eines allgemeinen Verkehrs. Die ſteinernen Wappen über den Thüren und Thoren ſahen ſeltſam hernieder auf die ſo ganz anders gewordene Zeit, und die Grafen⸗ krone, die, aus Stein gehauen, mit ihren neun Spitzen trotzig aus dem Gemänuer eines dieſer Häuſer hervorragte, und die vordem reich vergoldete Sänuften, prachtvoll aufgeſchirrte, glänzende Roſſe an der Hand in Seide gekleideter Edelknaben geſehen, würde jetzt gewiß ſchmerzlich zuſammengezuckt ſein, wenn das anders möglich geweſen wäre, bei dem Betrachten des ambulanten Obſtkrames, der ſich unter ſie etablirt, oder bei der pöbelhaften Berührung der großen Fahrpeitſche, die der benachbarte Brauknecht ſo gern über die neun Zacken legte. Aber daran ließ ſich nichts mehr ändern.
Das Haus, von dem wir eben ſprachen, hatte neben dem rieſigen Steinportal mit hochgräflichem Wappen in der That einen kleinen Obſtkram, und in den weitläufigen Hintergebäuden war eine Brau⸗ erei errichtet. Durch das eben erwähnte Portal trat man in einen ziemlich breiten Hof, den vormals Säulengänge umgeben hatten; jetzt aber waren die Bogen zugemauert worden, um Platz für ein Heumagazin, das rings herum lief, zu gewinnen. Die armen alten Säulen ſtaken zwiſchen neumodiſchen Backſteinen, und es war kläg⸗ lich anzuſehen, wie nur noch hie und da eine Idee der Rundung des Capitäls ſichtbar geblieben war.
Dieſer Hof war das Bild einer maleriſchen Unordnung. Das einzige aus alten Zeiten her noch ziemlich Erhaltene war ein ſchö⸗ ner Brunnen, ein wahres Kunſtwer ein aus Stein gemeißelter Drache, der ſich emporbäumend das Waſſer in ein großes Marmor⸗ baſſin ſpie. Doch da das kupferne Mundſtück, das er früher zwiſchen den Zähnen ſeines Rachens hielt, gewiß eines Tages entwendet und verkauft, kurz, abhanden gekommen war, ſo hatte man eine dicke Holzröhre zwiſchen ſeine Zähne hineingeſchlagen, die dem Ge⸗ ſichte des Drachen ein äußerſt verſchwollenes Anſehen gab. St
n die Marmorſchale, wie früher, lief das Waſſer in eine Vertiefung 3


