12 Erſtes Kapitel.
Lohnkutſcher und Fiaker, die früh einſpannen müſſen, kommen in ſehr mangelhafter Toilette und ziehen ihre Pferde nach ſich an den benachbarten Brunnen. In den Straßen der Stadt liegt noch ein feiner Duft, und der reine blaue Himmel, der ſich oben zwiſchen Kirchthürmen und Schornſteinen zeigt, ſowie das feucht werdende Pflaſter verſprechen einen ſchönen warmen Tag. Ddie Straßen ſind ſtill; der Lärm der Nacht, den wir vor⸗ hin beſchrieben, hat ſich auch in der nächſten Nähe des Marktes vollkommen gelegt; man hört einen frühzeitigen Spaziergänger auf mehrere hundert Schritte ſeine Hausthüre hinter ſich zuſchließen und vernimmt den Klang ſeiner Fußtritte. Die letzten Wanderer, die in der vergangenen Nacht den erſten Marktwagen begegneten, haben ſich noch nicht gar lange zu Bette gelegt; ſie verdunkeln ihre Feuſter ſo viel wie möglich, um dem Tageslichte den Eintritt in ihre Schlafzimmer zu verwehren; ſie werfen ſich unruhig hin und her, und der leichte, unerquickliche Schlummer, der über ſie dahin fährt und ſie nur zuweilen und wie neckend mit ſeinem Finger berührt, iſt ein erbarmungsloſer Spiegel und zeigt ihnen die Leiden und Freuden der vergangenen Nacht, das Gewühl des Tanzes, und dabei erklingt in ihrem Ohr die gleiche Tanzmuſik immer und unaufhör⸗ lich fort, oder es gaukelt vor ihrem innern Auge die Karte, auf welche ſie beſtändig verloren, oder an ihre Seite ſchmiegt ſich ſpottend und neckend das Bild eines Mädchens, von dem ſie vergebens ge⸗ trachtet, einen Blick der Liebe zu erhalten. Aber auch andere Schläfer, die nicht die Nacht durchgeſchwärmt, wälzen ſich in der frühen Morgenſtunde unruhig auf ihrem Lager — ſolche unglückſelige Sterbliche, die ſich im Allgemeinen eines ſchlechten Schlafes erfreuen, die den ſehnlich herbeigeſeufzten nicht feſtzuhalten vermögen, die während der Nacht jede Uhr von allen Kirchen ſchlagen hörten, und die nun, da das unbarmherzige Ta⸗ geslicht ihr Zimmer erfüllt, verdrießlich aufſtehen, ärgerlich den „Fenſtervorhang aufziehen und mit einem entſetzlich nüchternen Blicke in
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