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Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
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nen, der Gräfin gegenüber, legte. Zugleich deutete er dem Freunde ſo ſchonend als möglich an, daß er ſich unter dieſen Umſtänden nicht ferner mehr getraue, Charlotten vor Schaden und Nachſtellungen zu behüten, weßhalb ſich die Gräfin Lindenkron erboten habe, ſie für einige Zeit zu ſich in ihr Haus in Hamburg zu nehmen, ein Aner⸗ bieten, deſſen Annahme der Freiherr dringend empfahl.

Schröder erhielt dieſen Brief Nachmittags im Theater, während der Probe zu dem neuen Ballet, der Faßbinder. Dorothea, die ihren Bruder beim Leſen die Farbe wechſeln ſah, dachte ſogleich in ihrer ahnenden Seele an Charlotte und irrte ſich nicht. Stumm über⸗ reichte er ihr den Brief und winkte ihr, ihn ohne Zeugen zu leſen. Dann ließ er die Probe ihren Fortgang nehmen, wiewohl alle An⸗ weſenden es dem würdigen Prinzipal anſahen, daß der Inhalt des Briefes ſein innerſtes Herz berührt hatte. Erſt nach Beendigung der Probe ging er zu Dorotheen und fand dieſe in Thränen aufgelöst, in ihrem Ankleidezimmer. Zwiſchen beiden Geſchwiſtern gab es einen erſchütternden Auftritt; Schröder erklärte, Charlotten noch heute von Wandsbeck abholen zu wollen, da ſie ſich der dort genoſſenen Gaſt⸗ freundſchaft ſo ganz unwürdig gezeigt habe; Dorothea dagegen be⸗ ſchwor ihn, das arme Mädchen zu ſchonen, es ſei ja noch immer möglich, daß Sylburg ſich gegen ihr Wiſſen und Wollen in ihre Nähe gedrängt habe.

Ei was! rief Schröder heftig. Sie hat den Brief von ihm an⸗ genommen, während ſie ſpäter jene herrliche Frau, die ihr ſo große wahre Theilnahme erzeigte, ſchändlich belog und ihr betheuerte, ſie habe Nichts von des Barons Anweſenheit gewußt. Das ſind faule Fiſche, und ich begreife nicht, wie du noch dieſes falſche, jeder Ver⸗ ſtellung fähige Geſchöpf vertheidigen magſt! Genug des Mitleidens und der Geduld! Nun ſie Das thun konnte, glaube ich ſo wenig mehr an ihre aufrichtige Beſſerung, wie an ihren ernſtlich gemeinten Willen dazu! Darum will ich ſie wieder hier haben; nicht bei der Gräfin und bei Niemand ſonſt, ſondern bei uns, die wir ſie vollſtändig ken⸗ nen, ſoll ſie wohnen. Aber halt! Da fällt mir ein, wir haben ja für die nächſten Tage den Clavigo auf's Repertoire geſetzt; die Scene, in welcher Beaumarchais den treuloſen Verderber ſeiner Schweſter in deſſen eigner Wohnung zur Rede ſtellt, ſie will ich zuvor mit dieſem