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Beide hatten ihn erkannt, und wiewohl es nur ein flüchtiger Moment geweſen war, in welchem ſie den wilden Reiter an ihrer Seite vorüberſtürmen ſahen, war doch ſeine Erſcheinung hinreichend geweſen, um zwiſchen beiden Seelen einen Bund zu ſtiften, der ſie ſchnell zum vollkommenſten gegenſeitigen Verſtändniß führen ſollte. Der Augenblick war da, wo der Name Sylburg zum Erſtenmal zwi⸗ ſchen ihnen genannt wurde, und indem dies die Gräfin that, war ſie ſelbſt zugleich ſo tief davon ergriffen, daß Charlotte ihren eignen Schrecken beim unerwarteten Anblick des Barons darüber vergaß.
Ja, das iſt er geweſen! ſagte Ulrike und ihr Auge verdüſterte ſich; der einzige Menſch in der Welt, den ich haſſen könnte, wär' er nicht zugleich ſo ſchlecht, ſo grundverderbt, daß ich vor lauter innerem Grauen eher Mitleid als Haß empfinde.— O, gewiß, liebe Lotte, es gibt Menſchen in der Welt, die ſo viel Böſes und Unheilvolles an⸗ ſtiften, daß man zuletzt bei ihrer Beurtheilung jeden Maßſtab verliert, und zu dieſen Abarten der Menſchennatur gehört Sylburg. Ich weiß,
wie Viel auch Sie durch ihn zu leiden gehabt haben; von unſerm
herrlichen Klopſtock erfuhr ich zuerſt die Geſchichte Ihrer Liebe zu dem Mörder meines Friedens— geben Sie mir die Hand, Lotte, ſehen Sie mir in die Augen und ſagen Sie mir aufrichtig: Sind Sie mit dem Baron zu Ende, wie man allgemein glaubt, oder halten Sie noch immer im Geheimen an ihm feſt,— gehen immer ſicherer Ihrem Abgrund entgegen? Ha! Sie verſtummen, Sie erbleichen?— Nun wohlan denn, ſo will ich Ihnen ſagen, daß auch ich einmal dieſen Mann liebte, anbetete, vergötterte,— daß ich aber, dem Him⸗ mel ſei Dank, noch zur guten Stunde vor ihm gewarnt wurde— und Kraft genug hatte— meine Tugend, meine Unſchuld mehr zu lieben, wie ihn!
O Gott, woran denken Sie bei mir? rief Charlotte, durch der Gräfin letzte Worte auf das Heftigſte erſchüttert. Halten Sie mich für ſo ſchlecht, oder für ſo— unglücklich, daß ich einen Mann noch lieben ſollte, der mich in dieſer entſetzlich treuloſen Weiſe verlaſſen


