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Er zog bei dieſen Worten einen Brief hervor und las ſeinen ſtaunenden Zuhörerinnen Folgendes daraus vor:
„Nathan ſoll hoffentlich nicht bei ſeinem Volke allein den Bei⸗ namen des Weiſen führen, ſondern auch uns Chriſten dafür gelten. Denn ſeine Weisheit iſt ja Eins mit Liebe, Eins mit jener höchſten Idee, ohne welche keine Religion der Welt Anſpruch auf dieſen hei⸗ ligen Namen hat, mit der Idee der Verſöhnung und Toleranz. Gönnen Sie ihm daher immerhin eine Freiſtätte in Ihrem Hauſe, Ihrem Herzen; denn ich fürchte beinahe, Paſtor Götze und Conſorten werden mit dieſem frommen Pilger aus dem Morgenlande kaum mehr Umſtände machen, als ſie mit dem Heilande ſelber thun würden, käme er heute noch einmal in ſeiner wahren gottreinen Geſtalt auf die Erde zurück. Dieſe Phariſäer und Afterprieſter zu bekämpfen, ihnen die Heuchlermaske der Gottſeligkeit vom Geſicht zu reißen, hat ſich Nathan vorgeſetzt; und wahrlich, zu dieſer Miſſion braucht er die Liebe und Unterſtützung von echten Chriſtenherzen ebenſo ſehr, wie die von Gott ſelber.“*
Das ſchreibt unſer Leſſing, Deutſchlands größter Schriftſteller von dieſem Juden, ſagte der Geheimerath nach einer Pauſe bewegt; und nun entſcheidet ſelber, meine Lieben, wie wir einen ſolchen Fremdling in unſrer Mitte aufnehmen ſollen?
Nicht anders, als käme Leſſing ſelber, entgegnete die Geheime⸗ räthin hocherfreut.
Ah, da iſt er ja ſchon! ſagte der Freiherr und deutete nach der Thüre, wohin ſich raſch alle Blicke wandten. Aber Niemand klopfte an, Niemand öffnete, wohl aber ſtieß gleich nachher Charlotte einen Schrei der Uebexraſchung aus, denn unbemerkt hatte ihr freundlicher Gönner ein Manuſcript vor ſie hingelegt, ſo daß ihr ſogleich der Titel in die Augen fiel:„Nathan der Weiſe, ein dramatiſches Gedicht in fünf Aufzügen, von Gotthold Ephraim Leſſing.“
Erſt jetzt begriffen die Damen, in welcher Weiſe ſie myſtificirt worden ſeien und welchen Gaſt der Geheimerath angemeldet hatte.
Ein Gedicht von Leſſing? rief Irmengard. O Papa, dieſen Juden küß' ich unbeſehen, wäre auch ſein Bart ſo rauh und grau wie der unſrer Wandsbecker Schacherer!
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