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Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
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Wahnſinn, und zu ſpät erkennt die reuige Königin die Moral des Stückes,„wie leicht Fürſten getäuſcht werden.“—

Wir erzählten bereits, mit welcher Angſt Charlotte der Auffüh⸗ rung dieſes Stückes entgegenſah, da einzelne unvorſichtige Aeuße⸗ rungen ihrer Umgebung ſie ahnen ließen, daß es ſich für ſie am heutigen Abend noch um mehr als die Rolle der Rutland handeln werde. Sie wußte aus früheren Vorgängen, daß das Hamburger Theaterpublikum ſchon mehr als einmal über das Privatleben einzel⸗ ner Künſtler und Künſtlerinnen in dieſem Hauſe ſtrenges Gericht gehalten, und ſo rein auch ihr Bewußtſein war, empfand ſie dennoch eine namenloſe Angſt vor der Möglichkeit einer unfreundlichen Auf⸗ nahme, der ſie Nichts entgegen ſetzen konnte als ihre Unſchuld und ihr ſeitheriges untadelhaftes Leben.

Sie war an dieſem Abend im reichen Coſtüme des engliſchen Hoffräuleins reizender als je; und ſelbſt die ungewöhnliche Bläſſe ihrer Züge, die ſie durch Schminke zu verbergen ſich weigerte, ſtimmte zu ihrer tragiſchen Rolle und erhöhte noch den wehmüthigen Eindruck ihrer Erſcheinung.

Die Rutland hat ja auch ein böſes Gewiſſen, ſagte ſie lächelnd zu Dorothea, welche ſie bat, doch einiges Roth aufzulegen. Wie kann die Arme da blühend und heiter ausſehen! Muß ſie nicht jeden Augenblick fürchten, daß ihre geheime Ehe mit Eſſex bei Hofe entdeckt und ihr Ruf von der Welt mit Schimpf und Schande über⸗ häuft wird?

In dieſem Augenblick hörte ſie den Lärmen des Publikums, welches immer lauter und ungeduldiger den Anfang des Stückes be⸗ gehrte. So gewöhnt ſie ſonſt an dieſen Spektakel war, heute kam ſie darüber faſt aus der Faſſung und Dorothea mußte ihre ganze Ueberredungskunſt aufbieten, um ſie zu beruhigen. Eine der Gar⸗ derobefrauen brachte ihr von unbekannter Hand ein wundervolles Bouquet friſcher Blumen. 4

Nimm's als ein gutes Zeichen, ſagte Dorothea und heftete ihr die Blumen in den Gürtel. Charlotte betrachtete froh bewegt das freundliche Geſchenk, ward aber feuerroth, als die Frau hinzu fügte:

Heute erleben wir gewiß Etwas, was ſich nicht alle Tage er⸗

eignet. Bei dem Blumenhändler drüben an der franzöſiſchen Kirche