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Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
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Eifers ſanfter Röthe überhaucht und ſo haſtig, als gälte es einem Todkranken beizuſpringen, während doch nur der innige Wunſch ſeine Schritte beflügelte, Charlotten wenigſtens den zweiten Preis in die⸗ ſem Drama reiner Menſchlichkeit abzugewinnen. Bald hatte er die Gänge erreicht; der treffliche Arzt war hier eben ſo bekannt wie in den Paläſten der Reichen und Vornehmen; ja vielleicht noch be⸗ kannter wie dort, wo nur ſeine Kunſt und Erfahrung allein und nicht auch, wie hier oft geſchah, ſeine Wohlthätigkeit in Anſpruch genommen wurde. Jetzt kam er an den Kugelsort und ſchlüpft un⸗ geſehen in's Haus der Stockelhörnin.

3.

Zum Erſtenmal, ſeitdem ſie die Bühne Hamburgs betrat, empfand Charlotte eine ſchwere Beklommenheit und nur in fieberhafter Aufregung dachte ſie an den heutigen Abend. Die mehr unüberlegte als ernſt⸗ lich gemeinte Aeußerung des Bruders, ſie habe durch ihr Abenteuer am Kugelsort ihren guten Ruf geradezu auf's Spiel geſetzt, verfolgte ſie unabläſſig; das ohnedies zu einer ſelbſtquäleriſchen Betrachtungs⸗ weiſe geneigte Nädchen ſah ſich bereits im Geiſte dem Schimpf aumd der Verachtung desjenigen Publikums preisgegeben, von welchem ſie bis dahin auf den Händen war getragen worden. Das Herz der Künſtlerin bebte bei dieſer Vorſtellung faſt eben ſo ſehr wie das des Nädchens, und die ihr bis dahin fremd gebliebene Scheu vor dem Publikum peinigte ſie noch mehr wie die eigentliche Urſache derſelben. Sie fühlte ſich nicht mehr ſicher in der Welt ihrer Kunſtgebilde; ihre Fantaſie durchkreuzte alle Augenblicke das Geſpenſt der angſt⸗ vollen Wirklichkeit, es war ihr beinahe zu Muthe, als habe ſie durch einen einzigen unbedachten Schritt für immer die Bahn perloren, auf der ſie bis dahin ſo ſicher und glücklich gewandelt. K

Bei unſern heutigen Anſichten von dem Verhältniß des Schau⸗ ſpielers zum Publikum und bei ſeiner geachteten Stellung in der Geſellſchaft mag es vielleicht befremden, daß eine an ſich ſo gering⸗ fügige Sache dieſes Aufſehen erregte und von den zunächſt dabei betheiligten Perſonen mit ſolcher ängſtlichen Wichtigkeit behandelt