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Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
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Nichts als eine neue Genialität unſerer kleinen Emilia Galotti! fuhr Schröder leidenſchaftlich heraus und drückte den Freund in den nächſten Seſſel. Da ſitze, du delphiſches Orakel aller nach Skandal lüſternen Jodels, Baſen und Booksbeutel der ehrwürdigen Hammonia höre mich ruhig an ein weiſer Mann wie du, macht ſich zu Allem einen Vers warum nicht auch zu Mademoiſelle Charlotte Ackermann in Geſellſchaft von Signora Fanny und Frau Stockel⸗ hörnin!

Und in dieſem Tone der Bitterkeit erzählte er nun dem Freunde in raſchem Redefluß die uns bekannte Begebenheit am Kugelsort, nicht ohne hier und da ſeine eigne leidenſchaftliche Aufwallung ſtatt der wirklichen Thatſachen reden zu laſſen; denn Schröder war bei all ſeiner Herzensgüte ungemein heftigen und leicht aufbrauſenden Temperamentes, zumal wenn man ihn in gewiſſen kleinen Vorur⸗ theilen und ängſtlichen Hypochondrien reizte, wozu beſonders in jün⸗ gern Jahren ein übergroßer Reſpekt vor dem Urtheil der leicht be⸗ weglichen Menge gehörte. Dabei war ihm Würde der Kunſt und Würde der Familie faſt gleichbedeutend und die unbegrenzte Liebe, womit er an ſeinen Schweſtern hing, verhinderte ihn nicht, ſie vor⸗ kommenden, wenn auch noch ſo unſchuldigen Falles mit ſeinen ſchwär⸗ zeſten Launen und prickeligſten Eigenheiten zu quälen.*

So geht's, wenn man Bruder und Theaterdirektor in einer Perſon iſt! war dann gewöhnlich der Refrain ſeines Klageliedes und auch heute wieder ſchloß er ſeinen Bericht mit dieſem im engern Familienkreiſe ſo wohl bekannten Stoßſeufzer.

Unzer hatte ihm ruhig zugehört; er blinzelte nur zuweilen, wie er zu thun pflegte, wenn ihn eine Nachricht froh und lebhaft anregte, den Redenden mit halb geſchloſſenen Augen an, und ſeine Finger ſpielten immer unruhiger an der Stuhllehne, von der er zerſtreut eine ſammtne Quaſte abriß.

Auf Schröder's Befragen, was er von der Sache denke, ſah er ihn eine Zeit lang wie träumeriſch an, zuckte dann ungewiß die Achſel und brachte nur eine ausweichende Antwort hervor. Als aber Dorothea ihm ohne Rückhalt erzählte, welche heftige Scene dieſer

Vorfall zwiſchen dem Bruder und Charlotten am vorigen Abend hervorgerufen habe und ihn dann um ſeine aufrichtige Meinung er⸗ . 2*