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„Göckingk! Welch' ein Gang!“ ſagte Stolberg, des Freundes Hand ergreifend. 7
Dieſer konnte nichts ſprechen als:„Nur gefaßt!“
Sie traten in das Krankenzimmer. Die Bette»dine war zurückgeſchlagen, Bürger lag mit nach oben gewandtem
Antlitz, die Augen groß und glänzend auf die Decke der Stube
gerichtet. Beide Arine ruhten frei auf dem Plumeau, auf welchem im Glanze der Abendſonne jene köſtliche Frühlings⸗ Idylle im alten prächtigen Farbenglanz ſchimmerte, welche ihm einſt Molly auf die weiße Atlasweſte geſtickt hatte. Schon nahm man an den Fingern jenes unheimliche Zucken wahr, mit dem der Sterbende Blumen von der Bettdecke zu pflücken ſcheint, und beſtändig fuhr er mit der Hand über die Weſte, an deren Schimmer ſich heute, wie's ja Molly auch gemeint hatte, die Sorgen des Lebens brachen, gleich der Woge am grünen Blumenſtrand. Er ſchien zu beten oder zu dichten; erſt nach einer langen Weile wandte er das Auge nach Göckingk und Stolberg.„Wenn jetzt eine Thräne käme,“ flüſterte Jäger leiſe zu Junghof,— aber die Thräne kam nicht, ruhig ſah er Beide lange mit verklärten Zügen an, athmete tief und nickte dann Jedem lächelnd Willkomm und Abſchiedsgruß zu. Göckingk und Stolberg konnten nicht länger an ſich halten, Beide ſtürz⸗ ten vor ſeinem Lager auf die Knie nieder und küßten ſeine Hände, Alle wußten es, daß in dieſem Augenblick ein gro⸗ ßer ſeltner Mann ſeinen Geiſt in Gottes Hand zurück gab, und Niemand ſah die beiden Alten, welche in der Thüre des Zimmers ſtanden. Nur Bürger erkannte den Buchon⸗ kel und den Förſter Eckhart, hob leiſe die Hand, und wie jetzt die Sonne ihrem Sänger den müden heißen Tag mit purpurnen Lippen von der Stirne küßte, mehr und mehr


