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Bürger : ein deutsches Dichterleben / Roman von Otto Müller
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Tag ſo fremden, unglücklichen Stimmung ertappt hatte. Dieſer Jemand war ihm vorhin auf der Treppe begeg⸗ net, und hatte verwundert über des Schwagers blaſſe, an⸗ gegriffene Miene und ſeinen ſtummen Morgengruß den Lockenkopf geſchüttelt; ſchaute ihm auch durch das vergitterte Hoffenſter nach, als er dem Garten zuſchritt, eine Zeit⸗

lang mit verſchränkten Armen durch die Gänge wandelte

und dann in der Laube verſchwand.

Vielleicht würde er dort noch lange geſeſſen haben, wenn nicht Molly,(wie auch wir ſie fortan nennen wollen) zu ihm getreten und ſich mit einem halb neugierigen, halb betroffenen:Nun? neben ihn geſetzt hätte.

Er ſah empor, wie Einer der geträumt hat und nicht weiß, ob er ſich ſeines Traumes oder ſeines Wachens ent⸗ ſinnen ſoll.

Nun, Bürger, kann's Hochzeit geben, ſagte ſie ohne zu lächeln.Kuchen und Torten ſind aus dem Backhaus zurück und das Gaſtzimmer iſt geſchmückt. Ich bin ſchon müde, obwohl mein Tagewerk erſt beginnt. Denn ich habe Dora's Toilette auf mein geſchmackvolles Gewiſſen genom⸗ men, und will doch auch an eurem Ehrentag nicht wie ein Aſchenbrödel ausſehen. Mich hat's die ganze Nacht nicht ſchlafen laſſen, und mit dem Frühroth war ich aus den Federn.

Bürger's Stimme bebte, als er ſagte:Wer wird denn aber dir einſt an deinem Hochzeitstage ſo geſchäftig ſeyn?

Da geht's einmal kürzer ab! ſagte ſie;Gott ſoll mich behüten, daß ich meinen Hochzeitstag an die große Glocke hänge und die halbe Welt zu Gaſt bitte. Was braucht's denn auch ſo viel Geſottenes und Gebratenes, wenn zwei Leute, die ſich lieben, ihre Hände auf ewig in einander ge⸗ ben! Ich glaube, das iſt nur in Deutſchland Mode, wo man jedes Hochgefühl als Beilage zum Braten betrachtet.