— 174—
In den Stunden der feierlichen, heilig ruhigen Nacht iſt alle Leichtfertigkeit aus dem Denken und Fühlen redlicher Menſchen gewichen, und als wir bei dem noch immer ge⸗ öffneten Fenſter in dem ſtillen kleinen Zimmer ſaßen, er⸗ zählte ich ihm einfach und mit großer Selbſtbeherrſchung beinahe Alles, was ich über Lily wußte, und Vieles, was ich über ſie dachte. Nur über das, was ich fühlte, ſchwieg ich ganz und gar, denn ich konnte mich nicht überwinden, dieſe Gefühle für eines Andern Ohr in Worte zu faſſen. Fritz horchte aufmerkſam, und als ich geendet hatte, dankte er mir und zog ſich ſchweigend zurück. Wir ſchieden als die beſten Freunde von der Welt.
Der nächſte Morgen war friſch, ſchön und heiter, als
ob die Erde zu jung wäre, um eine Sorge gekannt zu haben.
Der Tag war, wie Fritz fröhlich bemerkte, als wir ſchon vor dem Frühſtück am Strande ſtanden und der Seewind jeden Nerv mit geſunder Kraft durchſtrömte,„ein großer Succeß.“ An ſolch' einem Morgen iſt man immer hoff—
nungsreicher, als in der ſchattenhaften, geheimnißvollen
Nacht. Ich fühlte das ſüße, ſelige Gefühl der Liebe in mir. Ach, wer, der je dieſe unbeſtimmte, wonnig zitternde Freude kannte, und ſich dieſes hohe, mit einer ſeltſamen, verworrenen Furcht gemiſchte Entzücken zurückrufen will,— dieſe raſtloſe Unruhe und dieſes wild⸗ſehnſüchtige Beben,


