Leiden des jungen Werther's. 105
ſich die Nacht. Höret Colma's Stimme, da ſie auf dem Hü⸗ gel allein ſaß!
Colma.
„Es iſt Nacht!— ich bin allein, verloren auf dem ſtür⸗ miſchen Hügel. Der Wind ſauſ't im Gebirge. Der Strom heult den Felſen hinab. Keine Hütte ſchützt mich vor dem Regen, mich Verlaſſene auf dem ſtürmiſchen Hügel.
„Tritt, o Mond, aus deinen Wolken! erſcheinet, Sterne der Nacht] Leite mich irgend ein Strahl zu dem Orte, wo maeine Liebe ruht, von den Beſchwerden der Jagd, ſein Bo⸗
gen neben ihm abgeſpannt, ſeine Hunde ſchnobend um ihn! Aber hier muß ich ſitzen allein auf dem Felſen des ver⸗
weachſenen Stroms. Der Strom und der Sturm ſauſt, ich
höre nicht die Stimme meines Geliebten. „Warum zaudert mein Salgar? Hat er ſein Wort ver⸗
geſſen?— Da iſt der Fels und der Baum, und hier der rauſchende Strom! Mit einbrechender Nacht verſprachſt du hier zu ſein; ach! wohin hat ſich mein Salgar verirrt? Mit dir wollt' ich fliehen, verlaſſen Vater und Bruder! die ſtol⸗ zen! Lange ſind unſere Geſchlechter Feinde, aber wir ſind keine Feinde, o Salgar!
„Schweig' eine Weile, o Wind! ſtill eine kleine Weile,
o Strom! daß meine Stimme klinge durch's Thal, daß mein Wanderer mich höre! Salgar! ich bin's, die ruft! Hier iſt der Baum und der Fels! Salgar! mein Lieber! hier bin ich; warum zauderſt du zu kommen? 4„Sieh, der Mond erſcheint, die Fluth glänzt im Thale, ddie Felſen ſtehen grau den Hügel hinauf; aber ich ſeh' ihn nicht auf der Höhe, ſeine Hunde vor ihm her verkündigen nicht ſeine Ankunft. Hier muß ich ſitzen allein. „Aber wer ſind, die dort unten liegen auf der Heide?
1— Mein Geliebter? Mein Bruder?— Redet, o meine
Freundel Sie antworten nicht. Wie geängſtet iſt meine Seelel— Ach, ſie ſind todt! Ihre Schwerter roth vom Gefechte! O mein Bruder, mein Bruder! warum haſt du meinen Salgar erſchlagen? O mein Salgar! warum haſt du meinen Bruder erſchlagen? Ihr wart mir beide ſo lieb! O du warſt ſchön an dem Hügel unter tauſenden! Er


