Leiden des jungen Werther's. 67
woollte, daß ſich einer unterſtünde, mir es vorzuwerfen, daß ich ihm den Degen durch den Leib ſtoßen könnte; wenn ich Blut ſähe, würde mir es beſſer werden. Ach! ich habe hundertmal ein Meſſer ergriffen, um dieſem gedrängten Her⸗ zen Luft zu machen. Man erzählt von einer edeln Art Pferde, die, wenn ſie ſchrecklich erhitzt und aufgejagt ſind, ſich ſelbſt aus Inſtinct eine Ader aufbeißen, um ſich zum Athem zu helfen. So iſt mir's oft; ich möchte mir eine Ader öffnen ddie mir die ewige Freiheit ſchaffte. Am 24. März. ch habe meine Entlaſſung vom Hofe verlangt, und werde ſie, hoffe ich, erhalten, und ihr werdet mir verzeihen, daß ich nicht erſt Erlaubniß dazu bei euch geholt habe. Ich muß nun einmal fort, und was ihr zu ſagen hattet, um mir das Bleiben einzureden, weiß ich alles, und alſo — ABringe das meiner Mutter in einem Säftchen beil ich kann mir ſelbſt nicht helfen, und ſie mag ſich gefallen laſſen, wenn ich ihr auch nicht helfen kann. Freilich muß es ihr wehe thun. Den ſchönen Lauf, den ihr Sohn gerade zum Geheimenrath und Geſandten anſetzte, ſo auf einmal Halte zu ſehen, und rückwärts mit dem Thierchen in den Stall! Macht nun daraus, was ihr wollt, und combinirt die möglichen Fälle, unter denen ich hätte bleiben können und ſollen; genug, ich gehe; und damit ihr wißt, wo ich hin⸗ komme, ſo iſt hier der Fürſt*, der vielen Geſchmack an meiner Geſellſchaft findet; der hat mich gebeten, da er von meiner Abſicht hörte, mit ihm auf ſeine Güter zu gehen, und den ſchönen Frühling da zuzubringen. Ich ſoll ganz mir ſelbſt gelaſſen ſein, hat er mir verſprochen, und da wir uns zuſammen bis auf einen gewiſſen Punkt verſtehen, ſo will ich es denn auf gut Glück wagen, und mit ihm gehen.
Zur Nachricht.
— Am 19. April. Danke für deine beiden Briefe. Ich antwortete nicht, weil ich dieſes Blatt liegen ließ, bis mein Abſchied vom Hofe da wäre; ich fürchtete, meine Mutter möchte ſich an den Mi⸗ niſter wenden, und mir mein Vorhaben erſchweren. Nun
5*


