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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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62 Leiden des jungen Werther's.

den, wollte ich ſie mit einem ſchauerlichen Mährchen um

mich zur Ruhe verſammeln.

Die Sonne geht herrlich unter über der ſchneeglänzenden

Gegend, der Sturm iſt hinüber gezogen, und ich— muß mich wieder in meinen Käfig ſperren.— Adieu! Iſt Albert

bei Ihnen? Und wie?— Gott verzeihe mir dieſe Frage!

Den 8. Februar.

Wir haben ſeit acht Tagen das abſcheulichſte Wetter, und mir iſt es wohlthätig. Denn ſo lang ich hier bin, iſt mie noch kein ſchöner Tag am Himmel erſchienen, den mir nicht

jemand verdorben oder verleidet hätte. Wenn's nun recht regnet, und ſtöIbert, und fröſtelt, und thaut, hal denk ich,

kann's doch zu Hauſe nicht ſchlimmer werden als es drau⸗

ßen iſt, oder umgekehrt, und ſo iſt's gut. Geht die Sonne

des Morgens auf, und verſpricht einen feinen Tag, erwehr’ ich mir niemals auszurufen: Da haben ſie doch wieder ein

himmliſches Gut, worum ſie einander bringen können! Es iſt nichts, worum ſie einander nicht bringen! Geſundheit,

guter Name, Freudigkeit, Erholung! Und meiſt aus Al⸗ bernheit, Unbegriff und Enge, und wenn man ſie anhört, mit der beſten Meinung. Manchmal möcht' ich ſte auf den Knieen bitten, nicht ſo raſend in ihre eigenen Eingeweide

zu wüthen. Am 17. Februar. Ich fürchte, mein Geſandter und ich halten es zuſam⸗

men nicht lange mehr aus. Der Mann iſt ganz und gar

unerträglich. Seine Art, zu arbeiten und Geſchäfte zu trei⸗

ben, iſt ſo lächerlich, daß ich mich nicht enthalten kann, ihm

zu widerſprechen und oft eine Sache nach meinem Kopf und meiner Art zu machen, das ihm denn, wie natürlich, nie⸗ mals recht iſt. Darüber hat er mich neulich bei Hofe ver⸗ klagt, und der Miniſter gab mir einen zwar ſanſten Verweis,

aber es war doch ein Verweis, und ich ſtand im Begriffe, meinen Abſchied zu begehren, als ich einen Privatbriefs) von

*) Man hat aus Ehrfurcht für dieſen trefflichen Herrn gedachten Brief, und 3

einen andern, deſſen weiter hinten erwähnt wird, dieſer Sammlung entzogen,

weil man nicht glaubte, eine ſolche Kühnheit durch den wärmſten Dank des Pub:

licums entſchuldigen zu können.