Leiden des jungen Werther's. 61
mein Fenſterchen wüthen, hier waren Sie mein erſter Ge⸗ danke. Wie ich hereintrat, überfiel mich Ihre Geſtalt, Ihr Andenken, o Lotte!l ſo heilig, ſo warm! Guter Gott! der erſte glückliche Augenblick wieder!
Wenn Sie mich ſähen, meine Beſte, in dem Schwall von Zerſtreuung! wie ausgetrocknet meine Sinne werden! nicht einen Augenblick der Fülle des Herzens, nicht Eine ſe⸗ lige Stunde! nichts! nichts! Ich ſtehe wie vor einem Ra⸗ ritätenkaſten, und ſehe die Männchen und Gäulchen vor mir herumrücken, und frage mich oft, ob es nicht ein optiſcher Betrug iſt. Ich ſpiele mit, vielmehr ich werde geſpielt wie eine Marionette, und faſſe manchmal meinen Nachbar an der hölzernen Hand und ſchaudre zurück. Des Abends nehme ich mir vor, den Sonnenaufgang zu genießen, und komme nicht aus dem Bette; am Tage hoffe ich, mich des Mondſcheins zu erfreuen, und bleibe in meiner Stube. Ich weiß nicht recht, warum ich aufſtehe, warum ich ſchlafen gehe.
Der Sauerteig, der mein Leben in Bewegung ſetzte, fehlt; der Reiz, der mich in tiefen Nächten munter erhielt, iſt hin, der mich des Morgens aus dem Schlafe weckte, iſt weg.
Ein einzig weibliches Geſchöpf habe ich hier gefunden, eine Fräulein von B.; ſie gleicht Ihnen, liebe Lotte, wenn man Ihnen gleichen kann. Eil! werden Sie ſagen, der Menſch legt ſich auf niedliche Complimente! Ganz unwahr iſt es nicht. Seit einiger Zeit bin ich ſehr artig, weil ich doch nicht anders ſein kann, habe viel Witz, und die Frauen⸗ zimmer ſagen: es wüßte niemand ſo fein zu loben, als ich (und zu lügen, ſetzen Sie hinzu; denn ohne das geht es nicht ab, verſtehen Sie?). Ich wollte von Fräulein B. reden. Sie hat viel Seele, die voll aus ihren blauen Augen hervor blickt. Ihr Stand iſt ihr zur Laſt, der kei⸗ nen der Wünſche ihres Herzens befriedigt. Sie ſehnt ſich aus dem Getümmel, und wir phantaſiren manche Stunde in ländlichen Scenen von ungemiſchter Glückſeligkeit; ach! und von Ihnen! Wie oft muß ſie Ihnen huldigen! muß nicht, thut es freiwillig, hört ſo gern von Ihnen, liebt Sie.—
O ſäß' ich zu Ihren Füßen in dem lieben, vertraulichen Zimmerchen, und unſere kleinen Lieben wälzten ſich mit einander um mich herum, und wenn ſie Ihnen zu laut wür⸗


