Druckschrift 
Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
Einzelbild herunterladen

Leiden des jungen Werther's. 29

recht herzlich gegen die üble Laune zu reden. Wir Men⸗ ſchen beklagen uns oft, fing ich an, daß der guten Tage ſo wenig ſind, und der ſchlimmen ſo viel, und, wie mich dünkt, meiſt mit Unrecht. Wenn wir immer ein offenes Herz hätten, das Gute zu genießen, das uns Gott für je⸗ den Tag bereitet, wir würden alsdann auch Kraft genug haben, das Uebel zu tragen, wenn es kommt. Wir ha⸗ ben aber unſer Gemüth nicht in unſerer Gewalt, verſetzte die Pfarrerin: wie viel hängt vom Körper ab! wenn einem nicht wohl iſt, iſts einem überall nicht recht. Ich geſtand ihr das ein. Wir wollen es alſo, fuhr ich fort, als eine Krankheit anſehen, und fragen, ob dafür kein Mittel iſt? Das läßt ſich hören, ſagte Lotte: ich glaube wenigſtens, daß viel von uns abhängt. Ich weiß es an mir: wenn mich etwas neckt, und mich verdrießlich machen will, ſpring' ich auf, und ſing' ein paar Contretänze den Garten auf und ab; gleich iſt's weg. Das war's, was ich ſagen wollte, verſetzte ich: es iſt mit der üblen Laune völlig wie mit der Trägheit; denn es iſt eine Art von Trägheit. Unſere Natur hängt ſehr dahin, und doch, wenn wir nur einmal die Kraft haben, uns zu ermannen, geht uns die Arbeit friſch von der Hand, und wir finden in der Thätigkeit ein wahres Ver⸗ gnügen. Friederike war ſehr aufmerkſam, und der junge Meenſch wandte mir ein, daß man nicht Herr über ſich ſelbſt ſei, und am wenigſten über ſeine Empfindungen gebieten könne. Es iſt hier die Frage von einer unangenehmen Em⸗ pfindung, verſetzte ich, die doch jedermann gerne los iſt; und niemand weiß, wie weit ſeine Kräfte gehen, bis er ſie ver⸗ ſucht hat. Gewiß, wer krank iſt, wird bei allen Aerzten herumfragen, und die größten Reſignationen, die bitterſten Arzneien wird er nicht abweiſen, um ſeine gewünſchte Ge⸗ ſundheit zu erhalten. Ich bemerkte, daß der ehrliche Alte ſein Gehör anſtrengte, um an unſerm Discurſe Theil zu nehmen; ich erhob die Stimme, indem ich die Rede gegen ihn wandte. Man predigt gegen ſo viele Laſter, ſagte ich: ich habe noch nie gehört, daß man gegen die üble Laune vom Predigtſtuhle gearbeitet hätte.*) Das müſſen die

*) Wir haben nun von Lavatern eine treffliche Predigt hieruber, unter denen über das Buch Jonas. uche Peedigt 9 4