½ Sechzehntes Capitel.
Laſſen Sie mich, ſagte Aurelie, nun auch eine Frage
thun. Ich habe Opheliens Rolle wieder angeſehen, ich
bin zufrieden damit, und getraue mir, ſie unter gewiſſen Umſtäͤnden zu ſpielen. Aber ſagen Sie mir, haͤtte der Dichter ſeiner Wahnſinnigen nicht andere Liedchen unter⸗ legen ſollen? Koͤnnte mann nicht Fragmente aus me⸗ lancholiſchen Balladen waͤhlen? Was ſollen Zweydeutig⸗ keiten und luͤſterne Albernheiten in dem Munde dieſes edlen Maͤdchens?
Beſte Freundin, verſetzte Wilhelm, ich kann auch hier nicht ein Jota nachgeben. Auch in dieſen Sonder⸗ barkeiten, auch in dieſer anſcheinenden Unſchicklichkeit liegt ein großer Sinn. Wiſſen wir doch gleich zu An⸗ fange des Stuͤcks, womit das Gemuͤth des guten Kin⸗ des beſchaͤftigt iſt. Stillle lebte ſie vor ſich hin, aber kaum verbarg ſie ihre Sehnſucht, ihre Wunſche. Heim⸗ lich klangen die Toͤne der Luͤſternheit in ihrer Seele, und wie oft mag ſie verſucht haben, gleich einer unvorſichti⸗ gen Waͤrterin, ihre Sinnlichkeit zur Ruhe zu ſingen mit Liedchen, die ſie nur mehr wach halten muſſten. Zu⸗ letzt, da ihr jede Gewalt uͤber ſich ſelbſt entriſſen iſt,
Goethe's Werke. III. Bd. 8— 27


