4¹²
Und wiſſen Sie, wem ich meine Gefinnung ſchuldig bin? fragte Aurelie; der allerſchlechteſten Erziehung, durch die jemals ein Maͤdchen häͤtte verderbt werden ſol⸗ len, dem ſchlimmſten Beyſpiele, u um Sinne und Neigung zu verfuͤhren.
Nach dem fruͤhzeitigen Tode meiner Mutter bracht' ich die ſchoͤnſten Jahre der Entwicklung bey einer Tante zu, die ſich zum Geſetz machte, die Geſetze der Ehrbar⸗ keit zu verachten. Blindlings uberließ ſie ſich einer jeden Neigung, ſie mochte uͤber den Gegenſtand gebieten oder ſein Sklav ſeyn, wenn ſie nur im wilden Geriiß ihret ſelbſt vergeſſen konnte., us
Was muſſten wir Kinder mit dem teinen und deut⸗ lichen Blick der Unſchuld uns fuͤr Begriffe von dem männlichen Geſchlechte machen? Wie dumpf, dringend, dreiſt, ungeſchickt war Jeder, den ſie herbeyreizte; wie ſatt, übermuthig, leer und abgeſchmackt dagegen, ſo⸗ bald er ſeiner Wuͤnſche Befriedigung gefunden hatte; So hab' ich dieſe Frau Jahre lang unter dem Gebote der ſchlechteſten Menſchen erniedrigt geſehen; was fuͤr Begegnungen muſſte ſie erdulden, und mit welcher Stirne wuſſte ſie ſich in ihr Schickſal zu finden, ja mit welcher Art dieſe ſchäͤndlichen Feſſeln zu tragen!
So lernte ich Ihr Geſchlecht kennen, mein Freund, und wie rein haſſte ich's, da ich zu bemerken ſchien, daß ſelbſt leidliche Maͤnner, im Verhaͤltniß gegen das unſrige, jedem guten Gefuͤhl zu entſagen ſchienen, zu
.


