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Die Thürme von Wüflans, der Historiker und noch einige Kleinigkeiten : Erzählungen / Friedrich Gleich
Entstehung
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Seit dieſem Tage, ſeit ich den ſterbenden Freund im erſtarrten Arme hielt, ſeit ich das Elend der ungluͤcklichen Mutter ſah, iſt mir kein Ruͤck⸗ fall in meine alte Schwaͤche gekommen. Wenn das Blut warm werden will, wenn die Leidenſchaft ſich regt, wenn ein falſches Ehrgefuͤhl mich von dem abzuhalten droht, was Recht iſt; dann ziehe ich das vom Freunde ererbte Bild, das jetzt auf meinem Herzen ruht, wie einſt auf dem ſeinen, hervor; dann ſteigt ſein blutender Schatten vor mir auf; dann ſehe ich ihn wieder auf dem oͤden Schneefelde ſein, eines beſſeren Endes werthes, Leben verhauchen; dann ſehe ich die wahnſinnige Mutter wieder die Haͤnde ringen.... dann erblicke ich meine fruͤh von mir geſchiedene Emilie im winterlichen Sturm ſich bebend an mich ſchmiegen, und nichts haͤlt mich mehr zuruͤck.)

Mit einem immer wachſenden Intereſſe hatte ich die Erzaͤhlung des Majors angehoͤrt; als er mir jetzt das Bild zeigte, zu deſſen Beſitzer ihn der Tod ſeines Freundes gemacht, da legte ich, ſchwei⸗ gend und ergriffen die Schmerzenszuͤge einer un⸗ gluͤcklichen Mutter betrachtend, meine Hand mit dem ſtillen, aber ernſten Schwur darauf, auch mir dies eine Warnung ſeyn zu laſſen, und ich kann ſagen, ich hielt gewiſſenhaft den Schwur.

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