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ſtrömte, und ſchaute träumend in die Nacht und auf die dunklen Conturen der Gebirge hinaus.
Da zuckte ſie plötzlich erſchreckt empor, denn faſt dicht unter ihrem Fenſter erklangen wieder die leiſe klagenden Töne der Violine, die ſie ſchon an jenem Abend ſo wunderbar ergriffen hatten. Es lag ein ſolcher Schmelz in der einfachen Me⸗ lodie, daß es ihr unwillkürlich das Herz ergriff, und ſie ſtand auf, ſetzte ſich auf das Sopha, um von unten aus nicht geſehen zu werden, und horchte mit angehaltenem Athem dem meiſterhaften Spiele.
Herr von Pulteleben, der ſchräg über ihrem Zimmer wohnte, hatte ſchon ſein Licht ausgelöſcht und ſich eben niedergelegt, als der Spielende unten begann. Er ſtand wieder auf, lehnte ſich in das offen ſtehende Fenſter und hörte eine Weile zu, bis die Töne unten leiſe verhallten. Jetzt rief er von oben herunter:
„Bravo! Sehr hübſch! Wirklich allerliebſt!“
Helene barg die Stirn in ihre Hand; es war wie ein Mißton in dieſe Harmonie hinein. Der Spielende unten aber ſchwieg. Sie löſchte ihr Licht aus und trat verdeckt ans Fenſter, um vielleicht den Schatten ſeiner hinweggleitenden Ge⸗ ſtalt zu ſehen, aber Nichts regte ſich— dunkel lag
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