218 Sechsunddreißigſtes Kapitel.
müſſen die vier Treppen hinauf und ſich präſentiren. Und was müſſen ſie da oben hören? Eine alltägliche, langweilige, abge⸗ droſchene Leier. Iſt die Braut eine Fremde und kommt durch die Heirath in die Stadt, ſo belobt man den Bräutigam, daß er die Häuſer um ein Angenehmes vermehrt und die Damengeſellſchaft um eine reiche Zierde bereichert. Iſt er aber fremd und nimmt die junge Dame mit ſich, dann wird er ſanft geſchmäht und man bedauert unendlich, daß er die ſchönſte Perle der Mädchenwelt ſo grauſam den ſtillen Vergnügungen der heimathlichen Stadt entreiße. Dann iſt man ferner von ewiger Freundſchaft über⸗ zeugt, oder hofft auf ein baldiges Wiederſehen, es werden Stühle gerückt und unten im Wagen angekommen iſt der Bräutigam hoch erfreut, auf ſeiner Liſte einen neuen Strich machen zu kön⸗ nen. Oben in ſeinem Zimmer aber ſagt der Herr N.: die Braut hätte wohl eine andere Partie machen können, und daſſelbe ſagt Madame N. vom Bräutigam. Auch die alte Fräulein Y. ſeufzt von ſo vielen verfehlten Hoffnungen im Allgemeinen, von ſchlech⸗ ten Ehen im Speciellen und ſchätzt ſich glücklich, daß ſie allen Verſuchungen bis jetzt glänzend widerſtanden.
Einen ſolchen Brautviſttenwagen kennt man ſchon von Wei⸗ tem. Wo keine eigene Equipage vorhanden, da bedient man ſich einer nicht nummerirten Droſchke. Die Geſchirre ſind blank ge⸗ putzt, der Wagen und der Kutſcher ebenfalls. Letzterer befindet ſich im blauen Rock mit rundem Hut und neben ihm ſitzt ein Lohnbe⸗ dienter im ſchwarzen Frack, weißer Halsbinde, ditto baumwolle⸗ nen Handſchuhen und mit einem erfreulichen, ſehr heiteren Ge⸗ ſichtsausdruck. Dieſer Ausdruck ſteigert ſich zu einem ſeligen Lächeln, wenn er irgendwo die Klingel zieht und der Braut den Wagenſchlag öffnet. Zuweilen während des Fahrens ſchleicht ſich aber auch ein ernſter, melancholiſcher Zug über ſein Geſicht, und dieß geſchieht gewöhnlich in der Nähe einer der Hauptkirchen, denn da denkt er an das morgige Leichenbegängniß, bei welchem


