. 20 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.
einem ihrer Handſchuhe, die ſte zurückgelaſſen, ein kleines Paket⸗ chen liegen; es war eine Geldrolle, in einen Brief gewickelt, den er haſtig erbrach und las:
„Mein geliebter Freund!
Lebe wohl! rufe ich dir nochmals zu— hoffen wir auf Gott, daß er uns wieder zuſammenführt, und wenn er ſo gnä⸗ dig iſt, um uns dieſes Glück zu Theil werden zu laſſen, ſo iſt es vielleicht möglich, daß wir uns nicht mehr trennen! Ich ſage: vielleicht; meine Liebe für dich iſt unwandelbar. O, mein Freund, wie habe ich dich geliebt, wie liebe ich dich noch! wie ſchaute ich zu dir empor, wie faßte ich jedesmal zitternd deine liebe Hand und betete Nächte lang, dieſe Hand möge mich einſtens emporziehen an dein gutes und edles Herz! O mein Karl, vergiß nie dieſes mein Gebet! und wenn wir uns wider⸗ ſehen, wenn mir das Glück zu Theil wird, ſo ziehe mich empor an dein Herz, laß' mich dorthin flüchten vor all' dem Entſetz⸗ lichen, was ich in dieſer Welt ſchon erlebt!
Wenn du mich wahrhaft liebſt, ſo mache Gebrauch von dem Beigeſchloſſenen, ich will daran deine Liebe erkennen und bin ja reich, ſo unendlich reich! Es iſt ja nicht für dich, dieſes kleine Anlehen es iſt für die heilige Kunſt; ich lege es bei dir an, du wirſt mir einſtens, wenn du willſt, ſchwere Zinſen dafür entrichten müſſen. Sei fröhlich, Karl, hoffe auf ein Wieder⸗ ſehen, wie ich darauf hoffe.
Deine Anna.“
Als es nun ganz Nacht geworden war, da ſchlichen ſich durch die Straßen der Stadt zwei ärmlich gekleidete Geſtalten, eine ältere Frau und ein junges Mädchen. Beide waren in grobe Halstücher gehüllt, beide trugen kleine Bündel in der


